#12 | Tod im Schlaf – Der Doppelmord von Horchheim

Shownotes

Eine Julinacht 2011 in Koblenz-Horchheim: Ein Ehepaar wird brutal in seinem eigenen Zuhause getötet – keine Einbruchsspuren, keine Tatwaffe, kein Zeuge der Tat. Monatelang steht die Polizei vor einem Rätsel, bis eine einzige Beobachtung alles verändert. Valentina und Christian sezieren einen der umstrittensten Indizienprozesse Deutschlands – und die Frage, die bis heute nachwirkt: Reichen Indizien für lebenslänglich, wenn Tatwaffe und Geständnis fehlen?


Wichtiger Hinweis: Diese Folge behandelt reale Gewalt, Tod und psychische Krisen und richtet sich an erwachsene Zuhörer:innen. Wenn dich die Inhalte belasten, suche bitte unbedingt Unterstützung bei professionellen Stellen: Telefonseelsorge (kostenlos, anonym, 24/7): 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116117 – ⁠www.telefonseelsorge.de⁠ Bei akuter Gefahr / Suizidgedanken: 112 (Notruf)

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Quellen: SWR

Transkript anzeigen

00:00:13: Zwei Menschen werden in ihrem eigenen Zuhause brutal getötet.

00:00:17: Es gibt keine offensichtlichen Einbruchsspuren, keine Tatwaffe und zunächst auch kein Menschen auf den alle Spuren eindeutig hindeuten.

00:00:27: Trotzdem endet der Fall mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

00:00:31: Bis heute wird darüber diskutiert ob das Urteil richtig war oder ob eine der bekanntesten deutschen Indizienprozesse vielleicht doch hätte anders ausgehen müssen.

00:00:44: Fast jede Tat hat Vorzeichen

00:00:46: Doch gesehen oder verstanden werden sie selten.

00:00:49: Wir sprechen über das davor und das danach,

00:00:52: Über die Psyche –

00:00:53: die Schuld Und über das komplexe Verständnis von Gerechtigkeit.

00:00:58: Knastköpfe

00:00:59: Gedacht getan gesessen Mit Psychologin Valentina Sahlen

00:01:04: und Rechtsanwalt Christian Klages.

00:01:10: Hallo und herzlich willkommen liebe Knastis zu einer neuen Folge.

00:01:14: Knastköpfe und natürlich auch hallo lieber Christian.

00:01:18: Ich finde, ich habe heute einen ganz spannenden Fall mitgebracht.

00:01:23: Der hat mich die letzten Tage tatsächlich ordentlich beschäftigt.

00:01:26: aber was sagst du denn erst mal zu dem Intro Christian?

00:01:30: Ja erstmal von mir auch Hallo zusammen schön dass ihr wieder am Start seid.

00:01:36: Indizienprozesse, plural hört sich spannend an.

00:01:41: Hört sich nach nicht eindeutigen Beweisen an bzw.

00:01:46: nicht nach wie sagt man streng beweisen sondern nach einem Indizientprozess oder sogar mehreren.

00:01:53: ich bin ganz gespannt.

00:01:56: Ja ich hoffe du kannst das im Laufe desfalls auch noch mal ein bisschen erklären was genau jetzt in den Indizianprozess ist.

00:02:02: Aber ich kann auf jeden Fall sagen, der Fall wird super spannend.

00:02:07: Ja du hast mir vor der Aufnahme heute ja gesagt dass ich den Fall vielleicht schon kennen könnte.

00:02:12: das heißt du kennst mich jetzt mittlerweile auch schon ganz gut denn ich kenne tatsächlich viele Fälle weil ich ja selber True Crime Fan bin.

00:02:21: Lass uns doch mal überraschen.

00:02:22: Schauen wir mal ob ich den fall kenne oder nicht?

00:02:25: Ja und falls du... den Fall kennst oder nicht kennst.

00:02:29: Je nachdem ist es ja auch vielleicht ganz schön, wenn du mal Fragen stellen kannst die dir so spontan in den Kopf kommen, die unsere Hörerinnen und Hörern vielleicht auch in den Kopf kommen würden?

00:02:41: Ja lass uns das doch mal so machen!

00:02:44: Bevor wir in den heutigen Fall einsteigen, habe ich noch eine Frage an dich.

00:02:48: Und zwar würde ich dich gerne einmal fragen ob du schätzen kannst oder schätzen möchtest wie häufig Menschen von einem Familienmitglied oder von ihrem Partner oder ihrer Partnerin getötet werden?

00:02:59: Hast du da ne Idee?

00:03:02: Ja... Ich weiß ja dass die Todesfälle innerhalb der Partnerschaft oder innerhalb des engen Personen- oder Familienkreises häufiger sind.

00:03:16: Ich würde vielleicht schätzen, so jeder siebte Achte oder so?

00:03:21: Ja also tatsächlich liegt die Zahl deutlich höher.

00:03:25: Also zumindest nach der Datenlage es gibt ja unterschiedliche Daten und unterschiedliche Studien aber es wird angegeben zwischen siebenundzwanzig bis achtundvierzig Prozent aller Tötungsdelikte dass die in einem nahen Bekanntenkreis oder in der Familie begangen werden sind tatsächlich ziemlich viele finde ich wenn man das so in den Zahlen hört.

00:03:46: Ja, das stimmt.

00:03:47: Eigentlich hat man ja immer automatisch im Kopf der unbekannte Täter, der irgendwo hinterm Gebüsch lauert oder dem, den man vorher nicht kannte.

00:03:55: aber tatsächlich ist es genau andersrum ne?

00:03:59: Ja und wenn wir jetzt zum Beispiel noch Europa anschauen da ist der Anteil sogar noch höher... Da insgesamt weniger Fälle durch organisierte Kriminalität oder so, also vielleicht in anderen Ländern.

00:04:11: Deswegen ist der Anteil in Europa sogar noch höher als in anderen Ländern.

00:04:14: Find ich auch ganz spannend wenn man das nochmal so sieht.

00:04:18: Du hast ja gerade schon gesagt dass Täterinnen und Täter sehr oft aus dem sozialen Umfeld stammen.

00:04:24: Das bedeutet jetzt natürlich nicht, dass Familien immer gefährlich sind.

00:04:28: Aber das ist auch ein Grund dafür, dass die Polizisten oder generell Ermittler und Ermittlerin häufig erst mal in das soziale Umfeld schauen von der Person, die vielleicht zu einem Opfer geworden ist.

00:04:39: Und das passiert auch in unserem heutigen Fall.

00:04:43: Da bin ich tatsächlich jetzt gespannt!

00:04:45: Dann stelle uns doch mal unseren heutigen fall vor Valentina.

00:04:50: Wir reisen zurück in den Sommer Genauer gesagt in die Nacht vom siebten auf den achten Juli.

00:04:58: Wir befinden uns im Koblenzer Stadtteil Horchheim, es ist ein eher ruhiger Stadtteil direkt am Rhein viele Einfamilienhäuser gepflegte Gärten eine Nachbarschaft, in der man sich kennt und grüßt.

00:05:12: In einem dieser Häuser leben Heinrich und Waldraud Schämmer.

00:05:17: Er ist seventy-fünf Jahre alt und sie ist achtundsechzig.

00:05:21: Das Ehepaar lebt seit vielen Jahren dort.

00:05:24: Beide gelten als freundlich, bodenständig und eher zurückgezogen.

00:05:29: Es gibt keine Berichte über Streit mit Nachbarn, keine bekannte Vorgeschichte mit Gewalt oder irgendwelche Konflikte bei dem man sofort denken würde hier könnte etwas eskalieren.

00:05:42: Deshalb beginnt der Abend des siebten Juli auch vollkommen unspektakulär.

00:05:47: Das Ehepaar verbringt den Abend zu Hause.

00:05:49: Irgendwann gehen beide schlafen.

00:05:52: Sie ahnen nicht dass dies ihre letzte Nacht sein wird.

00:05:56: Christian, was sagt dir so dein erstes Bauchgefühl nachdem du das jetzt gehört hast?

00:06:02: Wenn du schon sagst es ist die letzte Nacht dann ahnt man ja schon etwas kommt.

00:06:07: vermutlich werden sie beide sterben in dieser nacht und wahrscheinlich wirst du uns gleich erzählen was genau dort passiert ist oder aber es ist schon irgendwie ein beklemmendes Gefühl.

00:06:20: Ja da kann ich mich auf jeden fall anschließen vor allem wenn darüber nachdenkt, dass man sich an seinem eigenen Zuhause befindet.

00:06:26: Das ist ja der Ort, an dem man sich eigentlich auch am sichersten fühlen sollte.

00:06:31: Nach allem was sich später feststellen lässt soll es folgendermaßen abgelaufen sein Heinrich Schemmer verlässt irgendwann in der Nacht das Schlafzimmer.

00:06:40: Vermutlich möchte er ins Badezimmer.

00:06:43: Ob er tatsächlich dort ankommt oder bereits vorher überrascht wird lässt sich heute nicht mit letzter Sicherheit sagen.

00:06:50: Fest steht nur Er wird mit einem Messer angegriffen, und zwar nicht nur ein einziges Mal.

00:06:56: Der Täter oder die Täterin sticht immer wieder auf den Seventiechjährigen ein.

00:07:01: Heinrich Schemmer stirbt noch im Haus – doch damit endet die Tat nicht!

00:07:06: Auch Waldraud Schemma wird angegriffene.

00:07:09: Sie wird ebenfalls mit einer Vielzahl von Messerstichen getötet.

00:07:13: Innerhalb weniger Minuten verlieren zwei Menschen in ihrem eigenen Zuhause ihr Leben.

00:07:18: Als der Täter- oder die Täterin das Haus verlässt?

00:07:21: Bleiben zwei Tote zurück.

00:07:28: Ich

00:07:43: glaube, man verbindet Messangriffe automatisch immer mit langen Kämpfen, lauten Geschrei.

00:07:48: Das kann auf jeden Fall auch der Fall sein.

00:07:50: aber so ein Angriff kann auch innerhalb von wenigen Sekunden erfolgen.

00:07:54: also man kann ja auch überrascht werden und hat dann vielleicht gar keine Möglichkeit mehr laut um Hilfe zu schreien.

00:07:59: Und jetzt in dem konkreten Fall war es ja auch mitten in der Nacht die Fenster waren geschlossen und die Menschen haben ja auch geschlafen.

00:08:06: das heißt man muss ja erst mal aus dem Schlaf gerissen werden und selbst wenn man dann einen Geräusch wahrnimmt Ordnet man das auch nicht sofort als Gewaltverbrechen ein?

00:08:15: Ich glaube, das kennen wir alle.

00:08:16: Dass wir vielleicht mal nachts ein komisches Geräusch hören aber dass auch nicht gleich als schlimm einordnen.

00:08:22: ich habe ja auch schon mal in einem anderen Fall erzählt, dass man sich immer so einfache Erklärungen wie möglich sucht, auch wenn man jetzt zum Beispiel das Tür knarren oder knallen hört.

00:08:31: Ich könnte mir vorstellen, dass das in dem fall ähnlich war.

00:08:35: Ja und das ist auch glaube ich nicht ungewöhnlich, dass die Nachbarn später sagen also ja tut uns leid wir haben gar nichts bemerkt und gar nichts gehört.

00:08:43: Und meistens stimmt es dann sogar auch?

00:08:46: Ja genau!

00:08:47: Also das erlebt man bei vielen Tötungsdelikten und im Nachhinein fragen sich die Nachbar dann oft ob sie vielleicht doch irgendwas gehört haben.

00:08:56: aber letztendlich wird das in der Situation vielleicht gar nicht als lebensbedrohlich eingeordnet.

00:09:02: Manchmal täuscht man sich ja auch in einem Geräusch.

00:09:05: Ich wohne hier am Waldrand und ich weiß nicht, ob du das kennst.

00:09:11: In einer der letzten Nächte habe ich irgendein Tier gehört.

00:09:14: Das hat so geschrien.

00:09:15: Es war keine Katze.

00:09:17: Auch das hätte ein kleines Kind sein können.

00:09:20: Aber es war irgendeinen Marder oder ein Frettchen.

00:09:25: Naja, also das nur am Rande.

00:09:26: Ich glaube man kann sich auch täuschen oder es als ein ganz normales Geräusch abtun.

00:09:31: Aber jetzt muss ich trotzdem noch was fragen.

00:09:33: Du hast ja gesagt beide Opfer wurden mit einem Messer verletzt und das mehrfach?

00:09:38: Ich glaube viele Zuhörer und mich eingeschlossen denken automatisch... Das klingt unglaublich persönlich!

00:09:45: Also ist irgendeine persönliche Geschichte steckt dahinter?

00:09:47: so etwas verbindet man ja oft irgendwie mit Hass oder Wut.

00:09:51: habe ich da mit Recht?

00:09:53: Ja also ich glaube Auch da muss man so ein bisschen unterscheiden.

00:09:56: Also wenn man hört zwanzig, dreißig oder noch mehr Messerstiche dann schließt man ja eigentlich sofort darauf dass der Täter oder die Täterin das Opfer gehasst haben muss.

00:10:06: aber so eine... also das kann auf jeden Fall auf eine emotionale Beteiligung hindeuten.

00:10:11: also du hast jetzt gesagt Wut, Kränkung, Hass Aber es kann halt auch andere Ursachen haben.

00:10:16: Also ein Messerangriff ist ja an sich eine sehr dynamische Situation, das Opfer bewegt sich vielleicht, dass versucht auszuweichen währt sich vielleicht auch und der Täter oder die Täterin steht natürlich unter enormem Stress Und man weiß in dem Moment natürlich gar nicht welche Verletzungen war denn jetzt bereits tödlich?

00:10:34: Hat das schon ... hab ich mein Ziel schon erreicht?

00:10:37: Natürlich kann es sein da sich emotional So geladen bin, dass ich aus Wut zum Beispiel mehrfach zusteche.

00:10:45: Aber es kann auch sein, dass als Täterin mir gar nicht sicher bin, ob das Opfer bereits tot ist und deswegen so häufig einsteche.

00:10:55: Okay was wissen wir denn jetzt eigentlich?

00:10:57: Wir wissen zwei Menschen wurden in ihrem Haus nachts getötet und der oder die Täter sind verschwunden.

00:11:04: Mehr wissen doch dann die Ermittler zu Beginn auch nicht.

00:11:07: Genau also bei den Ermittlern beginnt erst Ja, die richtige Arbeit.

00:11:13: Und bevor man überhaupt einen möglichen Täter oder eine Täterin erkennen kann, muss zunächst beantwortet werden wie die Person dann überhaupt ins Haus gelangt ist?

00:11:22: War es ein Einbruch, kannte der Täter- oder die Täterinnen das Opfer?

00:11:27: gab es ein Schlüssel?

00:11:28: oder steckt vielleicht hinter der Tat etwas völlig anderes?

00:11:32: und genau an dieser Stelle stoßen auch die Ermittler schon sehr früh auf einem Punkt, der sie sehr stutzig macht.

00:11:38: Am Morgen nach der Tat liegt über dem Haus in Horchheim zunächst eine beklemmende Stille.

00:11:44: Von außen deutet nichts darauf hin, was sich in der Nacht im Inneren abgespielt hat.

00:11:49: Es gibt kein zerstörtes Fenster Keine offenstehende Haustür und auch keinen Täter oder Täterin Der-oder die auf der Flucht beobachtet wurde.

00:12:00: Erst als Heinrich und Waldraud Schemmer tot aufgefunden werden wird aus dem unauffälligen Einfamilienhaus plötzlich ein Tatort.

00:12:08: Die Polizei sperrt das Gebäude und den unmittelbaren Bereich ab.

00:12:12: Kriminaltechniker betreten das Haus in Schutzkleidung, fotografieren die Räume, markieren mögliche Spuren und versuchen so wenig wie möglich zu verändern.

00:12:21: Heinrich Schemmer wird im Bereich zwischen Badezimmern und Schlafzimmer gefunden – alles deutet daraufhin dass er in der Nacht sein Bett verlassen hatte und auf dem Weg durch das Haus überrascht wurde.

00:12:32: Waldraut befindet sich im SchlafZimmer.

00:12:35: Möglicherweise hatte sie geschlafen, als der Angriff begann.

00:12:38: Ob sie den Angriff auf ihren Mann hörte, ob sie noch reagieren konnte oder ob der Täter sie unmittelbar danach überraschte lässt sich nicht mit letzter Sicherheit rekonstruieren.

00:12:50: Die rechtsmedizinischen Untersuchungen zeigen dass beide Opfer mit einem Messer angegriffen wurden.

00:12:56: Sie weisen jeweils zahlreiche Verletzungen auf.

00:12:59: die Tat muss mit erheblicher Kraft und in unmittelbare körperliche Nähe ausgeführt worden sein.

00:13:06: Bei einer Schusswaffe kann ein Täter mehrere Meter von einem Opfer im Fernstehen.

00:13:10: Bei einem Messer ist das anders, der Täter oder die Täterin muss dem Opfer sehr nahe kommen.

00:13:16: er muss ihre Bewegungen wahrnehmen möglicherweise ihren Widerstand spüren und den Angriff trotzdem fortsetzen.

00:13:23: Lass mich da gerade nochmal einhaken, Valentina.

00:13:26: Das ist doch dann wahrscheinlich auch der Grund, warum Messerangriffe auf viele Menschen besonders persönlich wirken.

00:13:33: Der Täter befindet sich ja nicht irgendwo in sicher Entfernung sondern unmittelbar vor dem Opfer.

00:13:39: Man würde wahrscheinlich intuitiv denken dass das eine viel größere emotionale Hemspelle erzeugen müsste?

00:13:46: Ja, das stimmt.

00:13:47: also Messe Angriffe werden häufig als besonders unmittelbare Form der Gewalt wahrgenommen Und Täter erleben die Reaktion des Opfers aus nächster Nähe.

00:13:56: Das habe ich ja auch gerade schon beschrieben, ne?

00:13:58: Also es kann ja sein dass das Opfer sich wehrt also Widerstand leistet bewegt wegrennt wie auch immer und das kann natürlich die Hemmschwelle erhöhen auch weil man dem Opfer ja so nahe kommt.

00:14:10: gleichzeitig kann's aber auch dazu führen das hohe körperliche oder emotionale Erregung dazu führen dass der Täter oder die Täterin das ganze während des Angriffs kaum oder nur ganz differenziert wahrnimmt.

00:14:23: und in einem solchen Zustand können sich Aufmerksamkeit und Denken stark verengen.

00:14:28: In der Psychologie sprechen wir da tatsächlich von einem sogenannten Tunnelzustand, vielleicht hast du davon auch schon mal gehört Und die Person nimmt dann eigentlich nur noch.

00:14:36: das unmittelbare Ziel war und zwar eben das Opfer zu kontrollieren den Widerstand zu beenden oder irgendwie aus dieser Situation herauszukommen.

00:14:46: Das bedeutet jetzt natürlich nicht, dass jede Tat mit vielen Verletzungen im Zustand eines vollständigen Kontrollverlusts geschieht.

00:14:53: Also auch ein geplanter Angriff kann während der Ausführung natürlich eskalieren.

00:14:59: Können die Ermittler erkennen anhand der Verletzung oder der Art der Verletsungen welches der beiden Opfer zuerst angegriffen wurde?

00:15:09: Ja, also dazu habe ich mich natürlich auch eingelesen und manchmal lässt sich das eben ermitteln.

00:15:16: Aus der Lage der Opfer aus den Blutspuren oder aus anderen rechtsmedizinischen befunden.

00:15:22: in dem Fall von Horchheim wird aber davon ausgegangen dass Heinrich zunächst im Bereich des Badezimmers zwischen Badezimmer und Schlafzimmer also im Flur angegriffen wurde und das Waldhaus sich noch am Schlaf Zimmer befunden haben muss.

00:15:37: Aber selbst wenn die räumliche Reihenfolge relativ positive rekonstruiert werden kann, fehlen damit immer noch ein paar Einzelheiten.

00:15:44: Und in dem Fall ist es auch noch umstritten wer jetzt wirklich zuerst angegriffen wurde, wer ist zuerst verstorben.

00:15:52: und was sich die Ermittler natürlich auch an Fragen stellen ist ob sich der Täter oder die Täterin im Haus auskannte.

00:15:59: also Wie war das geplant?

00:16:01: War es dann nachts dunkel, die Person ist ja wahrscheinlich im Dunkeln eingetreten.

00:16:05: Wusste sie wo ist Badezimmer, wo ist Schlafzimmer?

00:16:09: Kannte die Person die Abläufe der Schammers dass die schon in den Schlafen gehen?

00:16:13: also das sind so ganz spannende Fragen für die Ermittler zu dem Zeitpunkt.

00:16:18: Ja das ist auch ganz wichtig für die Suche nach dem oder den Tätern ob die sich jetzt im Haus ausgekannt haben oder nicht.

00:16:26: Und auch das Gericht muss ja irgendwann einen ganz konkreten Tatablauf feststellen, das kann ja nicht sagen oder feststellen.

00:16:34: Ja, das war vielleicht so oder so und es muss ja die wesentlichen Tatsachen feststellen für die Bewertung nachher für das Urteil relevant sind.

00:16:42: Das Gericht musste nicht jede einzelne Sekunde rekonstruieren.

00:16:47: Das ist vielleicht auch bei vielen Tötungsselegten gar nicht möglich, aber es muss schon einen konkreten Tatablauf rekonstruieren?

00:16:55: Ja, ich muss auch tatsächlich sagen bevor ich wusste dass es Indizienprozesse gibt dachte ich zumindest das wenn jemand wegen Mordes verurteilt wird.

00:17:03: Dass dann auch ganz klare Beweise fest stehen müssen.

00:17:06: und ja das finde ich auch ganz spannend muss ich sagen dass da jemand trotz also trotz eines Indizienten Prozesses letztendlich wegen Mords verurteilten wurde.

00:17:16: Ja, ich glaube das denken viele wenn man so an Indizien denkt.

00:17:21: Also es ist so.

00:17:23: ein Gericht muss von der Täterschaft überzeugt sein und es muss auch feststellen können ob die Mordmerkmale beziehungsweise die Voraussetzungen in der Mord merkmale alle erfüllt sind.

00:17:33: Es muss nicht jede einzelne kleine Nebenfrage klären Muss nicht jeden genauen Wort laut eines Gesprächs oder die exakte Reihenfolge oder der einzelnen Verletzungen ganz genau kennen.

00:17:45: Es müssen nur die entscheidenden relevanten Punkte sicher festgestellt werden können.

00:17:51: Das ist echt super interessant!

00:17:53: Und ich muss auch sagen, grad bei dem Fall wird später immer wieder kritisiert dass bestimmte Einzelheiten gar nicht eindeutig geklärt werden konnten und also zum Beispiel ist der Verbleib der Tatwaffe unbekannt Die genaue Route des Täters ist unbekannend und es gibt auch keine vollständige Aufzeichnung oder Rekonstruktion von dem zeitlichen Ablauf.

00:18:12: das hatte ich ja auch gerade schon mal erwähnt.

00:18:15: Während die Rechtsmedizin versucht, den Angriff zu rekonstruieren konzentriert sich die Spurensicherung auf die Frage wie der Täter oder die Täterin ins Haus gelangte.

00:18:25: Diese Frage ist zentral weil sie den Kreis möglicher Täter erheblich verändern kann.

00:18:30: Die Ermittler untersuchen die Haustür, die Fenster und weitere Zugänge doch es finden sich keine eindeutigen Spuren eines gewaltsamen Eindringens kein aufgehebeltes Fenster kein beschädigtes Schloss und keine eingeschlagene Scheibe.

00:18:45: Auch sonst gibt es zunächst keinen Hinweis darauf, dass ein unbekanter Einbrecher sich mit Gewalt Zugang verschafft hat.

00:18:52: Das bedeutet allerdings noch nicht das der Täter oder die Täterin zwangsläufig aus dem näheren Umfeld der Opfer stand.

00:19:00: Vielleicht war die Haustür nicht verschlossen vielleicht wurde die Person auch freiwillig reingelassen?

00:19:05: Vielleicht gelangte sie aber auch durch Täuschung ins Haus oder sie verfügt über einen Schlüssel.

00:19:11: Ja, man neigt irgendwie dazu einen zu schnellen Schritt so weit zu gehen.

00:19:15: Wenn man hört es wurde nicht eingebrochen und nichts wurde aufgebrochen dann denkt man automatisch ja da müssen die Opfer den Täter gekannt haben aber eigentlich wissen wir das ja noch gar nicht.

00:19:26: Ja genau das ist ein sehr gutes Beispiel dafür wie aus einem Indiz sehr schnell eine vermeintliche Gewissheit entsteht.

00:19:33: Die fehlenden Aufbruchsspuren beweisen zunächst nur dass kein gewaltsamer Zugang nachweisbar Aber sie beweisen natürlich nicht, dass die Opfer den Täter oder die Täterin kannten.

00:19:45: Das ist wirklich ganz spannend wie du gesagt hast.

00:19:47: man ordnet das sehr schnell ein und versucht dafür sich eine Erklärung zu finden.

00:19:54: Trotzdem ist es für die Ermittlungen bedeutsam denn nun müssen Sie genauer betrachten wer Zugang zum Haus gehabt haben könnte.

00:20:02: gibt es einer Satzschlüssel?

00:20:04: Wer besitzt diese?

00:20:05: wurden in der Vergangenheit vielleicht Schlüssel weitergegeben?

00:20:08: Gab's eine Reinigungskraft, Handwerker, Familienmitglieder.

00:20:13: Wer könnte unbemerkt ein Schlüssel kopiert haben?

00:20:17: Wenn ja ist es überhaupt möglich?

00:20:19: weil es gibt auch häufig Schlüsse.

00:20:20: die kann man gar nicht einfach so kopieren.

00:20:22: Gleichzeitig wird geprüft ob die Opfer normalerweise nachts abgeschlossen hatten.

00:20:28: Angehörige und Nachbarn werden dazu befragt welche Gewohnheiten Heinrich und Waldhaut hatten.

00:20:33: Bei älteren Menschen bestehen häufig sehr feste Routinen.

00:20:37: Sie gehen zunächst zu ähnlichen Zeiten schlafen, schließen Türen in einer bestimmten Reihenfolge und bewahren Schlüssel an denselben Orten auf.

00:20:45: Wer diese Routinen kennt kann sich möglicherweise gezielt darauf

00:20:49: einstellen.".

00:20:50: Das würde ja eher dafür sprechen dass es jemand war der das Haus und die Gewohnheiten kannte ne?

00:20:56: Ich bin echt gespannt!

00:20:58: Ja das würde zumindest eine solche Hypothese plausibler machen.

00:21:03: Die nächste Frage lautet, ob der Täter oder die Täterin wegen Geld- oder Wertgegenständen ins Haus kam.

00:21:09: Heinrich und Waldhaut gelten als finanziell gut situiert – ein Raubmord erscheint deshalb zunächst möglich!

00:21:16: Die Ermittler prüfen, ob Schränke geöffnet, Schubbladen herausgezogen oder Räume durchsucht wurden.

00:21:23: Sie müssen feststellen, ob Geld, Schmuck oder andere Wertgegendstände fehlen.

00:21:28: Das ist schwieriger als es klingt.

00:21:30: Nach einem Todesfall können Angehörige oft nicht sofort sagen, welche Gegenstände normalerweise im Haus lagen und welche möglicherweise verschwunden sind.

00:21:39: Gerade Bargeldbestände lassen sich im Nachhinein kaum zuverlässig rekonstruieren.

00:21:45: Selbst wenn etwas fehlt beantwortet das noch nicht automatisch die Frage nach dem Hauptmotiv.

00:21:50: Ein Täter oder einen Täter kann wegen Geld in ein Haus eindringen und die Bewohner töten, nachdem er überrascht wurde.

00:21:57: Er kann aber auch nach einem anderen Motiv töten und anschließend Gegenstände mitnehmen, um einen Raub vorzutäuschen.

00:22:03: Umgekehrt kann eine Person ein finanziell motiviertem Mord begehen ohne den Tatort wie einen klassischen Einbruch aussehen zu

00:22:10: lassen.".

00:22:12: Ja denn wir wissen ja, dass auch so ein scheinbarer Raub also auf den ersten Blick ein Raub-Aussehneste legt auch tatsächlich inszeniert sein kann?

00:22:25: Ja, auf jeden Fall.

00:22:26: Also da werden ja manchmal Tatorte ganz bewusst verändert um die Ermittlungen auch in eine bestimmte Richtung zu lenken.

00:22:32: Da werden dann manchmal schränke geöffnet Gegenstände mitgenommen oder irgendwas zerstört damit es irgendwie nach einem Einbruch aussieht.

00:22:40: aber das kann natürlich auch umgekehrt sein.

00:22:43: also Ermittlerinnen können natürlich auch denken dass eine besonders chaotische Situation vielleicht als Inszenierung dass das so dargestellt werden sollte, obwohl es sich vielleicht sogar tatsächlich um einen Einbruch gehandelt haben könnte.

00:22:59: Also auch das darf man natürlich nicht

00:23:01: verwechseln.".

00:23:03: Ja woran erkennt man denn ob jetzt ein Tatort inszeniert wurde oder nicht?

00:23:07: Ja also es gibt keinen einzelnen sicheren Hinweis aber man betrachtet das Gesamtbild.

00:23:12: Ob die Räume jetzt vielleicht nachvollziehbar nach Wertgegenständen durchsucht wurden Ob Dinge übersehen wurden, die ein echter Einbrecher vermutlich mitgenommen hätte.

00:23:24: Passt die Unordnung zum angenommenem Ablauf oder gibt es Spuren, die zeigen dass irgendwas nach der Tat vielleicht noch verändert wurde?

00:23:33: Aber auch bei den Schlussfolgerungen bleiben natürlich manchmal auch Fehler also einen unerfahrene Einbrechervelt sich vielleicht auch anders als jemanden der schon mehrere Einbrüche begangen hat.

00:23:45: Deshalb darf die Tatortanalyse auch nicht so isoliert betrachtet werden.

00:23:50: Während die Ermittlerinnen und Ermittlern das Haus untersuchen, suchen sie auch nach der Tatwaffe.

00:23:55: Ein Messer kann wichtige Informationen liefern – an ihm könnten sich Blut-, Fingerabdrücke-, Hautpartikel- oder andere DNA-Spuren finden.

00:24:05: Formen und Beschaffenheit der Klinge könnten mit den Verletzungen verglichen werden.

00:24:09: Außerdem könnten sich feststellen lassen ob das Messer aus dem Haushalt der Opfer stammt oder vom Täter, oder die Täterin sogar mitgebracht wurde.

00:24:18: Doch die Tatwaffe wird nicht gefunden.

00:24:21: Damit fehlt ein potentiell entscheidendes Beweistück, die Herr Mitler wissen nicht sicher ob der Täter das Messer mitgebracht hat und wieder mitgenommen hat oder ob er vielleicht eine Waffe aus dem Haus benutzte und anschließend

00:24:32: entfernte.".

00:24:34: Also wenn er das Messers mitgebraucht hätte würde es ja ziemlich eindeutig für eine geplante Tat sprechen?

00:24:41: Das wäre zumindest ein starkes Indiz für Vorbereitung.

00:24:44: Also würde ich jetzt mal so schließen, wer bewaffnet zu einem Hauswert hat sich offensichtlich auf eine Gewaltsituation eingestellt aber selbst dann wäre er ja noch offen ob die Tötung von Anfang an beabsichtigbar oder ob das Messer vielleicht als Drohung dienen sollte.

00:25:03: wenn dagegen einen Küchenmesser aus dem Haus verwendet wurde könnte dass eher zu einer spontanen Eskalation passen.

00:25:10: Wenn es hier keine Tatwaffe gegeben hat beziehungsweise keine Tat-Waffe gefunden werden konnte, dann wird's ja auch mit irgendwie Fingerabdrücken oder DNA-Destätters irgendwie schwierig.

00:25:22: Ja genau also zumindest für die Tatwaffen... Also das bedeutet natürlich jetzt nicht automatisch dass es gar keine Spuren gibt.

00:25:30: In einem Wohnhaus können sich die DNA-Spuren woanders befinden.

00:25:33: Also Fingerabdrücke können ja auch an der Tür klingen, oder wo auch immer sich der Täter bewegten.

00:25:39: Aber das Problem besteht darin... dass man das einordnen muss.

00:25:43: Also, wenn jetzt Angehörige zu Besuch sind oder regelmäßig zu Besuchs sind, dann befindet sich natürlich auch die DNA überall in dem Haus.

00:25:51: Man kann ja davon ausgehen, dass sich die Angehöregen dann auch in den Haus bewegen.

00:25:55: Deswegen ist es schwierig einzuordnen, wie eben schon gesagt, wenn man sich zum Beispiel auf das soziale Umfeld zunächst bezieht ... herauszufinden, ob die DNA jetzt vielleicht durch einen Besuch entstanden ist oder ob sie hinterlassen wurde weil die Person vielleicht auch Täterin oder Täter sein könnte.

00:26:14: Ja in Grimmys im Fernsehen ist es ja immer so ne?

00:26:17: Sobald da DNA gefunden wurde heißt das der absolute Beweis.

00:26:22: Jetzt ist alles klar jetzt wissen wir wer der Täter ist.

00:26:27: Ja, also DNA ist auf jeden Fall ein sehr starkes Beweismittel.

00:26:30: Das wirst du ja sicherlich auch noch besser wissen als ich aber... Ich habe ja gerade schon gesagt, stell dir vor Eltern sind zu Besuch, Angehörige sind zu besucht dann bleibt eben nun mal die DNA auch in dem Haus.

00:26:43: Anders ist es jetzt aber natürlich wenn DNA irgendwie durch Kampfspuren oder so entsteht Dann wäre es natürlich gut gewesen, wenn man eine Tatwaffe gefunden hätte.

00:26:52: Weil das wäre dann schon etwas offensichtlicher als vielleicht die DNA-Spuren an Türklinke oder Fußboden.

00:27:00: Und umgekehrt bedeutet das auch, wenn keine DNA gefunden wurde, dass jemand nicht am Tatort gewesen ist?

00:27:08: Genau und ein Täter kann ja auch Handschuhe tragen!

00:27:12: Wenn man jetzt zum Beispiel Handschuhen trägt, tatsächlich gar keine DNA oder zumindest nichts Verwertbares hinterlassen wird.

00:27:20: Deswegen ist auch eine fehlende DNA-Spur kein Beweis für eine

00:27:25: Unschuld.".

00:27:26: Ich glaube, man merkt tatsächlich auch wie komplex das ganze Thema ist und aus wie vielen Blickwinkeln man das betrachten muss?

00:27:33: Ja jetzt will ich aber auch wissen, wie es weitergeht.

00:27:37: Wer findet denn hier die Opfer?

00:27:39: Für die Ermittler ist nun auch entscheidend, wer die Opfer findet und wie die ersten Stunden nach der Entdeckung ablaufen.

00:27:46: Die Person, die einen Tatort entdeckt kann unbeabsichtigt Spuren verändern – sie öffnet vielleicht Türen, berührt ein Körper, bewegt Gegenstände oder läuft durch Blutspuren.

00:27:58: Das ist menschlich nachvollziehbar, erschwert aber schon die spätere Rekonstruktion.

00:28:03: Gleichzeitig werden Finder- und Angehörige sehr früh befragt!

00:28:08: Wann hatten sie zuletzt Kontakt zu Heinrich und Waldraut?

00:28:11: Gab es ungewöhnliche Gespräche, hatten die beiden Angst vor jemandem.

00:28:17: Gab es Streit, Schulden oder Veränderungen im Alltag?

00:28:21: Für Familienangehörige ist die Situation extrem belastend – Sie haben gerade erfahren dass zwei nahestehende Menschen getötet wurden und müssen gleichzeitig detaillierte Fragen beantworten.

00:28:33: Manche wirken emotional, andere auffallen sachlich.

00:28:37: Manche erinnern sich an jedes Detail, andere können kaum einen klaren Satz formulieren.

00:28:42: Ja und die Ermittler beobachten ja auch das Verhalten der Angehörigen nachdem so eine Tat passiert ist?

00:28:49: Genau also.

00:28:50: natürlich nehmen sie es wahr aber dass Verhalten nach einer Todesnachricht darf natürlich nicht vor schnell als Schuldindikator verwendet werden.

00:28:58: Es gibt keine richtige Reaktion auf einen solchen Schock.

00:29:02: Manche Menschen weinen sofort und andere funktionieren zunächst mechanisch.

00:29:07: Es gibt Leute, die organisieren, telefonieren, beantworten Fragen und andere sind emotional erstmal in einer Schockreaktion und können erst Stunden oder Tage später darauf reagieren.

00:29:21: Manche lachen sogar aus Anspannung was sehr extrem unpassend wirkt.

00:29:25: und all das kann bei unschuldigen aber auch bei schuldigen Menschen auftreten.

00:29:29: Man kennt das ja oder man hört es immer wieder.

00:29:32: Wer nicht weint, der ist sofort verdächtig.

00:29:35: Aber da stimmt gar nicht.

00:29:37: Genau und wer besonders stark weint muss unschuldig sein.

00:29:42: Ist auch so ein Trugschluss.

00:29:45: Emotionen lassen sich bewusst darstellen.

00:29:47: aber sie können auch vollständig fehlen obwohl jemand innerlich massiv belastet ist.

00:29:52: Das hast du gerade schon gesagt.

00:29:54: Da wird immer sehr schnell verurteilt und jemand, der eben besonders viel weint.

00:29:59: Da denkt man sich dann gleich, oh Mensch diese arme Person die kann es auf jeden Fall nicht gewesen sein.

00:30:06: Und gerade in True Crime Dokumentation werden kurze Ausschnitte später häufig stark interpretiert.

00:30:12: eine Person schaut an einer Stelle zur Seite oder lächelt kurz und das Publikum glaubt direkt Schuld oder Kälte darin zu sehen.

00:30:21: Aber solche Bewertungen sind natürlich psychologisch kaum belastbar.

00:30:25: In den ersten Tagen sprechen die Ermittlern mit Nachbarn, Freunden und Angehörigen.

00:30:30: Sie fragen ob in der Tat Nacht ungewöhnliche Fahrzeuge gesehen wurden?

00:30:34: Ob jemand Geräusche gehört hat?

00:30:36: Ob es fremde Personen in der Straße gab.

00:30:39: Auch der letzte Kontakt zu den Opfern wird rekonstruiert.

00:30:42: Solche Befragungen wirken zunächst einfach Sind psychologischer aber hoch sensibel.

00:30:47: Erinnerungen verändern sich schnell.

00:30:49: Sobald Menschen erfahren, dass in ihrer Nachbarschaft ein Mord geschehen ist beginnen sie frühere Wahrnehmung neu zu bewerten.

00:30:56: Ein Auto das vorher völlig unwichtig war erscheint plötzlich verdächtig.

00:31:02: Ein Geräusch wird im Nachhinein als Schrei interpretiert.

00:31:05: eine Person erinnert sich vielleicht erst später an einen Detail, das sie zunächst nicht erwähnt hat.

00:31:11: Eine Erinnerung die erst später auftaucht ist ja nicht automatisch weniger glaubwürdig.

00:31:17: Nee, also nicht automatisch.

00:31:19: Menschen können sich später tatsächlich an relevante Einzelheiten erinnern.

00:31:23: Manchmal löst eine konkrete Frage einer Erinnerung aus die zuvor nicht abrufbar war.

00:31:29: Problematisch wird es aber wenn zwischen dem Ereignis und der späteren Erinnerungen viele Informationen aufgenommen wurden.

00:31:36: Also eine Erinnering funktioniert immer rekonstruktiv.

00:31:40: das bedeutet wir setzen sie beim Abruf neu zusammen.

00:31:43: Dabei können aber Medienberichte, Gespräche und Erwartungen in die Wahrnehmung einfließen.

00:31:49: Die Person muss nicht bewusst lügen.

00:31:51: Sie kann trotzdem völlig überzeugt davon sein dass die Erinnerung exakt dem damaligen Ereignis entspricht.

00:31:59: Vielleicht kannst du dich auch schon an so Sachen erinnern das es vielleicht bei dir auch mal passiert ist oder dass man das hinterfragt hat.

00:32:05: Aber die Frage wird im Fall von Horchheim später noch eine enorme Bedeutung bekommen.

00:32:11: Monate nach der Tat wird sich ein Zeug melden, dessen Beobachtung zu einer der wichtigsten Indizien des gesamten Verfahrens wird.

00:32:19: Oh jetzt wird's spannend!

00:32:20: Wir wissen ja auch immer noch nicht wer der Täter war oder ob es ein unbekannte Täter ist oder jemand aus dem Umfeld.

00:32:26: In den ersten Tagen stehen mehrere Möglichkeiten nebeneinander.

00:32:30: Vielleicht wurden Heinrich und Waldrat Opfer eines bekanntem Täters.

00:32:34: vielleicht geriet ein Einbruch außer Kontrolle?

00:32:37: Vielleicht kannten sie die Personen und ließen sie freiwillig rein oder jemand verfügt über ein Schlüssel.

00:32:43: Mit jeder Befragung entsteht ein genaueres Bild vom Leben des Ehepaars, wer hatte regelmäßig Kontakt?

00:32:49: Wer kannte das Haus?

00:32:51: Wer wusste wo Geld- oder Wertgegenstande aufbewahrt wurden?

00:32:54: Wer kann die Tagesabläufe?

00:32:57: Heinrich und Waldraud haben einen Sohn namens Bernd.

00:33:01: Er lebt nicht in Koblenz sondern dreihundertfünfzig Kilometer entfernt in Haaren im Emsland.

00:33:07: Dort wohnt er mit seiner Ehefrau Henrike und drei gemeinsamen Töchtern.

00:33:14: Zwischen beiden Familienteilen besteht regelmäßiger Kontakt, nach außen wirkt vieles zunächst normal.

00:33:21: Der Sohn lebt mit seiner eigenen Familie zwar weit entfernt, hält aber Kontakt zu seinen Eltern.

00:33:27: Je genauer die Ermittlerin und der Mittler jedoch nachfragen, desto deutlicher wird das die Beziehung innerhalb der Familie nicht völlig konfliktfrei sind.

00:33:35: Insbesondere zwischen Waldraut und ihrer Schwiegertochter Henrike soll es Spannungen gegeben haben.

00:33:41: Es geht um gegenseitige Abblähnungen, um den Umgang miteinander und offenbar auch um finanzielle Fragen.

00:33:49: Die Familie im Emsland soll von Heinrich und Waldrauth unterstützt worden

00:33:53: sein.".

00:33:54: Ah okay wahrscheinlich ist dann die Familie auch ziemlich schnell unter Verdacht geraten und die Polizei hat sich das nochmal genauer angeschaut.

00:34:04: Ja, genau.

00:34:05: Also es entsteht zumindest eine neue Frage und zwar wer würde von dem Tod von Heinrich und Waldrauth profitieren?

00:34:13: Das Ehepaar hat ja nur den Einsohn.

00:34:15: also Bernd wäre damit auch der zentrale Erbe.

00:34:19: und in Verbindung jetzt mit den finanziellen Schwierigkeiten ich gerade erwähnt habe und familiären Spannungen und der Frage nach dem Zugang zum Haus wird dieser Zustand für die Ermittlerinnen und Ermittlern zunehmend interessanter.

00:34:32: Ja man fängt an automatisch diese einzelnen Punkte miteinander zu verbinden.

00:34:36: Streit, Geld, Erbe vielleicht haben die ja sogar auch ein Schlüssel gehabt wäre nicht ungewöhnlich aber jedes einzelne dieser Dinge oder dieser Umstände ist vollkommen alltäglich.

00:34:48: Weißt du was mir da spontan einfällt?

00:34:51: Wenn die Ermittler nicht wissen wo sie ansetzen sollen dann heißt es immer follow the money.

00:34:57: Und ich glaube, das ist auch eine der zentralen Schwierigkeiten jetzt hier in diesem Indizienfall.

00:35:02: Denn nahezu jedes einzelne Indiz könnte ja eigentlich ne harmlose Erklärung haben.

00:35:07: also ein Schlüssel bei Familienangehörigen ist was ganz normales würde ich jetzt einfach mal behaupten.

00:35:13: finanzielle Unterstützung innerhalb einer Familie ist auch normal und ein angespanntes Verhältnis zu den Schwiegereltern ist auch nicht immer ungewöhnlich kann passieren Und dass ein Kind seine Eltern beerbt, ist der gesetzliche Regelfall.

00:35:29: Die Frage lautet deshalb nicht ob jetzt ein einzelner Umstandverdächtig klingt sondern ob mehrere von diesen festgestellten Tatsachen sich so verbinden lassen das es irgendwie eine vernünftige Erklärung gibt.

00:35:43: Aber bevor die Ermittlungen an diesem Punkt ankommen müssen sie noch eine entscheidende Hürde überwinden Denn die Familie des Sohns lebt ja wie schon erwähnt mehr als drei hundert Kilometer vom Tatort entfernt.

00:35:55: Wer aus diesem Haushalt die Tat begangen haben soll, müsste also über die Nacht unbemerkt von Haaren nach Koblenz gefahren sein.

00:36:02: Das Haus betreten zwei Menschen getötet und anschließend wieder die gesamte Strecke zurückgelegt haben.

00:36:10: Also eine Reise von etwa rund siebenhundert Kilometern.

00:36:14: Und damit stellt sich natürlich dann auch die Frage war eine solche Fahrt in der Nacht überhaupt möglich?

00:36:20: Valentina, du hast ja gesagt ich kenne den Fall vielleicht und irgendwie kommt mir das mit dieser Entfernung bekannt vor.

00:36:28: Ich ahne da etwas aber ich will mich noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen.

00:36:33: Aber mal gucken wir mal.

00:36:34: wie geht es denn weiter hier im Fall?

00:36:36: Die Entfernung zwischen Haaren im Emsland in Koblenz beträgt ungefähr dreihundertfünfzig Kilometer.

00:36:42: Wer diese Strecke mit dem Auto fährt ist mehrere Stunden unterwegs.

00:36:46: Hinzu kommen mögliche Baustellen, Pausen, Tankstops und die Frage welche Route gewählt wurde.

00:36:53: Für die Ermittlerinnen und Ermittlern bedeutet das bevor sie überhaupt ernsthaft darüber nachdenken können ob jemand aus der Familie des Sohnes für die Tat in Frage kommt müssen Sie klären ob eine solche Fahrt in der Tat nach zeitlich möglich gewesen wäre.

00:37:08: Dazu rekonstruieren sie Abläufe im Haus von Bernd & Henrike.

00:37:12: Wann wurde dort am Abend zuletzt miteinander gesprochen?

00:37:16: Wann ging die Kinder schlafen?

00:37:18: Wer befand sich, zu welcher Zeit im Haus.

00:37:21: Gab es einen Zeitpunkt an dem Henrike das Haushätte verlassen können ohne dass es jemand bemerkt hätte und wann wurde sie am nächsten Morgen wiedergesehen?

00:37:30: Solche Rekonstruktionen wirken auf den ersten Blick sehr präzise.

00:37:34: In Wirklichkeit bestehen Sie häufig aus Erinnerungen die erste Tage oder Wochen später abgefragt werden.

00:37:40: Familienmitglieder müssen sich an einen Abend erinnern der für sie zunächst völlig gewöhnlich war Und genau das macht es schwierig.

00:37:48: Wenn an einem Abend nichts Besonderes passiert, schaut niemand ständig auf die Uhr.

00:37:52: Man erinnert sich vielleicht daran gemeinsam fern gesehen zu haben oder ins Bett gegangen sein.

00:37:58: Ob das aber zwanzig uhr fünfzehn oder zwanzigerfünfundvierzig war lässt sich oft später nicht mehr zuverlässig sagen.

00:38:06: Ja, wir erkennen das auch.

00:38:08: Selbst wenn jemand sagt ja sie oder er war an dem Abend zu Hause heißt es ja noch nicht oder ist doch lange nicht bewiesen dass Sie die ganze Nacht auch da waren?

00:38:19: Ja genau und das ist auch das Problem weil ein Mensch kann natürlich abends von seiner Familie gesehen worden sein und trotzdem erst wieder am nächsten Morgen da gewesen sein.

00:38:28: also wie du gerade schon gesagt hast Und entscheidend ist jetzt deshalb ob es für die gesamte nacht ein belastbares Alibi gibt also eine Beobachtung oder eine technische Aufzeichnung, oder irgendwas was die Abwesenheit ausschließt.

00:38:44: Die Ermittlerinnen und Ermittlern prüfen deshalb nicht nur Aussagen von Angehörigen sie interessieren sich auch für Telefonverbindungen mögliche Tankvorgänge Fahrzeugbewegungen und andere objektivierbare Spuren.

00:38:56: heute würde man vermutlich zusätzlich Bewegungsdaten vom Mobiltelefon, Navigationssystemen oder vernetzten Fahrzeugen auswerten.

00:39:04: im Jahr waren solche Daten jedoch nicht in derselben Dichte und Selbstverständlichkeit verfügbar wie heute.

00:39:12: Das finde ich tatsächlich auch nochmal ganz interessant, weil für mich persönlich jetzt nicht so weit weg, aber trotzdem war das offensichtlich noch sehr viel schwieriger damals da solche Abläufe nochmal nachvollziehen zu können.

00:39:28: Ja, es gibt immer mehr Daten und immer mehr Datendichte je weiter man mit der Technik fortschreitet.

00:39:35: Also ich glaube schon, dass zwischen dem Jahr hier den Tag in der Nacht oder im Zeitpunkt der Ermittlung schon einen deutlichen Fortschritt gab?

00:39:47: Ja absolut!

00:39:49: Und die zentrale Theorie nimmt langsam Gestalt an.

00:39:52: Henrike könnte am Abend in Haaren losgefahren sein In der Nacht Koblenz erreicht, dass Hausbetreten ihre Schwiegereltern ermordet und anschließend wieder zurückgefahren seien.

00:40:04: Insgesamt hätte sie also siebenhundert Kilometer zurücklegen müssen.

00:40:08: Ja, also das klingt auf den ersten Blick schon ziemlich absurd und sehr ambitioniert.

00:40:15: Also mehrere Stunden hinfahren dann zwei Menschen töten, dann wieder mehrere Stunden zurück fahren und am nächsten Morgen soll niemand irgendwas gemerkt haben.

00:40:23: Da lag sie dann wieder im Bett oder saß am Frühstückstisch oder sonst so.

00:40:29: Ich weiß nicht.

00:40:30: Aber okay, erzähl!

00:40:32: Ja, also wenn sie zeitlich oder praktisch nicht möglich ist die Theorie dann fällt sie natürlich eh in sich zusammen.

00:40:38: Aber wenn das Zeitfenster jetzt ausreichen würde Dann ist die theoria tatsächlich denkbar auch wenn es jetzt erstmal super absurd klingt wie du schon gesagt hast und wir müssen hier auch eine weitere wichtige Unterscheidung treffen.

00:40:52: Denkbar bedeutet natürlich noch nicht bewiesen.

00:40:55: Die tatsache dass jemand so einer tat tatsächlich in dieser zeit hätte begehen können ist ein schwaches Indiz, aber es ist trotzdem möglich.

00:41:04: Es ist aber auch trotzdem so dass Millionen andere Menschen in der Nacht auch hätten stundenlang Auto fahren können um diesen Tatort zu erreichen.

00:41:14: Also erst wenn weitere Umstände hinzukommen gewinnt die Möglichkeit dann auch an Bedeutung.

00:41:19: Ich finde auch interessant die psychologische Seite dann.

00:41:22: Also wenn jemand wirklich dreihundertfünfzig Kilometer zu einem Tatort fährt, ja dann ist es auf jeden Fall keine spontane Tat mehr.

00:41:30: Man hat ja dann... selbst wenn man das vorher nicht geplant hat.

00:41:35: aber alleine durch diese lange Fahrt hat man mehrere Stunden Zeit darüber nachzudenken und wieder umzukehren und von der Tat abzusehen.

00:41:45: Ja, auf jeden Fall.

00:41:46: So eine lange Anreise spricht natürlich erst mal dafür, dass es irgendwie einen Vorlauf gab.

00:41:52: Also wer so eine lange Strecke einplant und auch den Zugang zum Haus einplant anschließend wieder zurückkehrt handelt nicht ganz aus einem spontanen Moment.

00:42:04: allerdings bedeutet jetzt die geplante Anreisa auch nicht zwangsläufig das jeder Teil der Tat geplant war.

00:42:10: also eine Person kann mit Vorsatz losfahren kann Konfrontationssuchen, will vielleicht Geld fordern oder jemanden Einschüchtern.

00:42:20: Aber die Situation kann natürlich dann trotzdem eskalieren so dass es zu einem Tötungsentschluss kommen kann.

00:42:26: Vielleicht hat dieser Tötungsschluss aber vorher gar nicht bestanden.

00:42:29: also wenn man jetzt nochmal von der Einbruchstheorie zum Beispiel ausgeht.

00:42:36: Die Fahrt bietet auch viele Gelegenheiten das Vorhaben abzubrechen.

00:42:40: Also angenommen, man setzt sich jetzt ins Auto und fährt stundenlang.

00:42:43: Dann kann man sich natürlich auch während der Fahrt noch überlegen ah ne ich drehe nochmal um.

00:42:47: also aber auch hier kommt psychologisch nochmal ein Mechanismus zu tragen.

00:42:52: der nennt sich Sunk Coast Effect Und das bedeutet dass je mehr Zeit man in etwas investiert hat desto schwerer fällt es Menschen dann auch eine Entscheidung wieder abzubrechen.

00:43:03: Man würde dann also denken jetzt bin ja schon so weit gefahren Jetzt kann ich auch nicht mehr zurück.

00:43:08: Das ist aber auch nur wie gesagt nur eine psychologische Erklärung, das ist jetzt aber auch keine gesicherte Aussage darüber dass es in dieser Nacht tatsächlich so war.

00:43:16: Also wenn sie denn jetzt die Täterin gewesen ist und dann nach der Tat ja noch mehrere Stunden wieder zurückfährt und sich dann ja wieder ins Bett legt oder aber auch irgendwie so den ganz normalen Alltag beginnt Dann wirkt das auf mich schon ziemlich eiskalt.

00:43:34: Ja auf jeden Fall!

00:43:35: Das ist ja auch erstmal ne Intuitive Bewertung, wenn man das hört.

00:43:41: Trotzdem muss es nicht immer bedeuten, dass ... Wenn man sehr funktional handelt nach einer Tat, das ist immer direkt bedeutend und man ist kalt oder hat eine Gefühlskälte.

00:43:52: Menschen können nach extremen Eignissen in so eine Art Funktionsmodus geraten.

00:43:57: Das heißt, man funktioniert dann quasi mechanisch.

00:44:01: Man kann ein Auto fahren, man wechselt sogar noch die Kleidung oder erledigt irgendwelche alltäglichen Dinge ohne dass man das Geschehen überhaupt emotional verarbeitet hat.

00:44:10: Und es gibt dann wiederum andere, die geraten vielleicht total in Panik und wieder andere, der vollkommen ruhig sind und dann aber erst nach ein paar Tagen oder Stunden zusammenbrechen.

00:44:20: Parallel zur möglichen Nachtfahrt beschäftigen sich die Ermittler weiter mit dem Zugang zum Haus.

00:44:26: Es gab keine eindächtigen Einwurfsspuren.

00:44:29: Damit wird die Frage nach den vorhandenen Schlüssel immer wichtiger Für die Ermittlerin und der Mitleister interessant, ob Henrike Zugang zu einem passenden Schlüssel hatte oder ob sie sich einen solchen Zugang hätte verschaffen können.

00:44:43: Ja wobei man da ja auch aufpassen muss.

00:44:45: also selbst wenn Sie ein Schlüssel hatten muss das nicht zwingend heißen dass sie auch die Täterin gewesen ist.

00:44:51: Also als Schwiegertochter so ein Schlüsse zu haben ist er erstmal an sich genommen vollkommen unauffällig.

00:44:57: Da hast du auf jeden Fall recht!

00:44:58: Das beweist erst mal überhaupt nichts Und sie hätte sich ja auch bestimmt anders Zugang beschaffen können.

00:45:04: Ich gehe mal davon aus, hätte sie geklingelt, wäre sich wahrscheinlich auch reingelassen worden und das ist aber auch wie eben schonmal erwähnt so der das Grundproblem von diesem Fall weil diese ganzen Indizien isoliert betrachtet eben soltäglich wirken.

00:45:19: Aber diese Verbindung aus den Ganzen die wirkt dann erst belastend.

00:45:23: Jetzt wollen wir auch irgendwann aber mal wissen war sie es denn jetzt oder war sie's nicht?

00:45:28: Neben den finanziellen Fragen betrachten die Ermittler auch die Beziehung zwischen Waldraud und Henrike genauer.

00:45:36: Zwischen beiden Frauen soll es wiederholt Spannungen gegeben haben – Waldraut soll ihre Schwiegertochter kritisch gesehen haben, umgekehrt soll Henrike sich abgelehnt bevormundet oder nicht ausreichend anerkannt gefühlt haben.

00:45:50: Solche Konflikte können sich über Jahre aufbauen.

00:45:54: Bemerkungen über Geld, Kindererziehung, Lebensführung oder das Verhältnis zum eigenen Sohn können sich mit der Zeit zu einem stabilen Konfliktmuster entwickeln.

00:46:05: Ja und solche vielen zahlreichen kleinen Kränkungen können ja dann tatsächlich irgendwann – man sagt ja nur wenn es fast übergelaufen ist kann das ja auch in der Tötung enden!

00:46:17: Ja, auf jeden Fall.

00:46:18: Also in seltenen Fällen kann so eine langjährige Kränkung auf jeden fall Bestandteil zu einer Tatmotivation werden Besonders eben dann wenn sie mit anderen Belastungen zusammenkommen zum Beispiel mit den finanziellen Problemen Kontrollverlust von einem Gefühl oder Wenn man einfach keinen Ausweg mehr sieht.

00:46:36: Aber auch hier gilt natürlich Konflikte zwischen Schwiegermutter und Schwiegartochter sind häufig Und Tötungsdelikte natürlich extrem selten.

00:46:45: Man darf also auch da jetzt nicht aus einem alltäglichen Konflikt auf eine außergewöhnliche Tat schließen.

00:46:51: Ja, man muss ja immer auch aufpassen, dass man das Ganze nicht zu sehr aus seiner eigenen Perspektive sieht.

00:46:57: Denn auch aus unserer Sicht vermeintlich kleinere Konflikte können ja subjektiv als massive Kränkung erlebt werden von einer anderen Person dann.

00:47:09: Genau, also Menschen reagieren ja nicht nur auf dieses eine objektive Ereignis sondern auch die persönliche Bedeutung dahinter.

00:47:15: Trotzdem können wir jetzt natürlich im Nachhinein nicht einfach behaupten das eine bestimmte Kränkung zur Tat geführt hat.

00:47:21: dafür bräuchten wir einfach belastbare Informationen über die Gedanken äußerungen und auch über das Verhalten der betroffenen Personen.

00:47:29: Ja, aber wir müssen ja auch an die vielen Messerstiche noch denken.

00:47:34: Wenn das Motiv Geld gewesen sein soll und das Ganze so durchgeplant gewesen sein sollte.

00:47:40: Also ich denke wieder an die lange Fahrt und so.

00:47:44: Und das hört sich alles nach einem wirklichen Tatplan an.

00:47:48: dazu passt dann meines Erachtens nicht diese massive Gewalt also diese vielen Messerstiches.

00:47:55: man spricht ja auch von einer Übertötung da.

00:47:59: Ja, also ich denke das ist damit zu erklären dass sich finanzielle und emotionale Motive nicht ausschließen lassen.

00:48:07: Also eine Tat kann ja instrumentell geplant sein.

00:48:10: Das Ziel besteht dann beispielsweise darin, dass man einen Erbfall herbeiführen möchte wie in dem Fall jetzt angenommen.

00:48:20: Während der konkreten Ausführung kann aber auch eine völlig andere Dynamik entstehen.

00:48:24: Ich hatte ja eben auch schon mal gesagt, vielleicht ist es dann ungeplant auf einmal, wer hat sich das Opfer?

00:48:29: Vielleicht kommt es zu einer verbalen Auseinandersetzung?

00:48:32: Vielleicht brechen dann alte Kränkungen auf oder die Täterin oder der Täter gerät in Panik weil die Tat völlig anders verläuft als geplant und dann kann natürlich eine ursprünglich zweckgerichtete Handlung emotional auch eskalieren.

00:48:46: Ja, also denn eine Tat kann gleichzeitig geplant aber auch unkontrolliert sein.

00:48:52: Ja ganz genau!

00:48:53: Also Planung und Kontrolle sind keine Gegensätze, sie schließen sich nicht aus.

00:48:57: Die Anreise kann ja geplant sein der Zugang zum Haus kann auch vorbereitet sein und der Angriff kann dann aber trotzdem völlig chaotisch verlaufen.

00:49:06: Zu diesem Zeitpunkt entsteht also eine mögliche Theorie Eine Person aus dem familiären Umfeld könnte das Haus, gekannt Zugang zu einem Schlüssel gehabt und von einem Erbfall profitiert haben.

00:49:17: Möglicherweise hätte sie auch genügend Zeit gehabt in der Nacht von Haaren nach Koblenz zu fahren.

00:49:24: Aber all das reicht noch nicht.

00:49:26: Die Ermittler haben keine Tatwaffe, keine eindeutige DNA-Spur Keine unmittelbaren Tatsäugen Und bislang auch kein objektiven Nachweis dafür dass Henrike in dieser Nacht tatsächlich in Koblenze war.

00:49:39: Ohne eine Verbindung zwischen ihr und dem Tatort bleibt die Theorie also sehr lückenhaft.

00:49:45: Dann hängt da jetzt alles davon ab, ob die Ermittler beweisen können dass sie oder zumindest das Auto in Koblenz gewesen ist?

00:49:54: Ja genau!

00:49:55: Und genau diese Verbindung wird tatsächlich durch eine Zeugenaussage entstehen allerdings nicht sofort sondern erst Monate danach.

00:50:05: Die Ermittlungen kommen nur langsam voran Der Fall bleibt ungeklärt und die Polizei entscheidet sich schließlich, die Öffentlichkeit einzubeziehen.

00:50:13: Im Juni-Zw.

00:50:14: wird der Doppelmord in der Fernsehsendung AktenzeichenixY vorgestellt.

00:50:19: Die Sendung rekonstruiert die Tat, zeigt mögliche Abläufe und bitte Zuschauer um Hinweise.

00:50:27: Solche öffentlichen Fahndungen können enorm hilfreich sein.

00:50:31: Menschen melden Beobachtungen, die sie zuvor für unwichtig hielten.

00:50:35: Vielleicht erinnert sich jemand an ein fremdes Auto Eine verdächtige Person oder ein Gespräch.

00:50:41: Gleichzeitig entstehen dadurch psychologische Risiken, die Zuschauer erhalten konkrete Bilder, Fahrzeuge, Uhrzeiten und mögliche Täterbeschreibungen.

00:50:50: Diese Informationen können Sie später mit Ihren eigenen Erinnerungen

00:50:53: vermischen.".

00:50:55: Ja denn man weiß ja.

00:50:57: wenn jemand sagt jetzt erinnere ich mich genau an dieses Auto nachdem er oder sie die Sendung gesehen hat dann weiß man ja genau.

00:51:05: dann muss man gerade besonders vorsichtig sein.

00:51:08: Ja, genau tatsächlich.

00:51:09: Das bedeutet jetzt auch nicht, dass die Erinnerung falsch ist.

00:51:12: aber eine öffentliche Information kann auch Details in einer Erinnerungen einfügen, die ursprünglich gar nicht vorhanden waren und die Person erlebt das aber dann tatsächlich als echt.

00:51:23: den Effekt bezeichnet man als Post-Event-Information-Effekt oder auch viel Informationseffekt.

00:51:29: ich weiß nicht ob du davon schon mal gehört hast.

00:51:32: Es bedeutet, dass Informationen die erst nach einem Ereignis vermittelt werden.

00:51:37: Die Erinnerung und das ursprüngliche Eregnis verändern.

00:51:40: Also wie ich gerade schon gesagt habe man denkt dann tatsächlich oder man nimmt die Information auf... ...die vermischen sich mit der eigenen Erinnerungen und man denkt tatsächlich Das ist echt!

00:51:50: Das ist so passiert.

00:51:50: Ich kann mich erinnern.

00:51:52: Nach der öffentlichen Fahndung meldet sich also schließlich ein Zeuge.

00:51:56: Er gibt an in der Tat Nacht einen Fahrzeug in der Nähe des Hauses der Schemas gesehen zu haben.

00:52:02: Es soll sich um ein Auto handeln, das dem Umfeld von Bernth und Henrike zugeordnet werden kann.

00:52:08: Der Wagen soll sich nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt befunden haben.

00:52:13: Und damit gibt es plötzlich die genaue Verbindung, die den Ermittlerinnen und Ermittlern zuvor gefehlt

00:52:18: hat.".

00:52:23: Kann sich denn jemand nach so langer Zeit an ein Auto erinnern?

00:52:28: Also ich glaube, ich könnte das nicht.

00:52:30: Ich bin kein besonders guter Zeuge, glaub'

00:52:32: ich.".

00:52:32: Ja also das ist auch tatsächlich hier die entscheidende Frage.

00:52:35: ne?

00:52:36: Ein Auto kann natürlich auffallen weil es ungewöhnlich geparkt ist oder weil es nachts zu langsam fährt oder zu schnell fährt.

00:52:44: Es kann aber auch eine vollkommen beiläufige Wahrnehmung gewesen sein und für die Beurteilungen wären dann mehrere Punkte wichtig Wie lang sah der Zeuge das Fahrzeug, aus welcher Entfernung?

00:52:57: Wie waren überhaupt die Lichtverhältnisse.

00:52:59: Konnte er das Modell oder das Kennzeichen erkennen?

00:53:03: Warum blieb die Beobachtung überhaupt im Gedächtnis?

00:53:06: Das ist tatsächlich gedechnisch-psychologisch eine wichtige Frage.

00:53:10: und was wusste er bereits bevor er sich meldete?

00:53:13: also wurde er vielleicht beeinflusst durch Medienbericht oder so.

00:53:16: Also wenn er die Sendung gesehen hat, könnte er ja unbewusst das gesuchte Fahrzeug mit irgendeiner früheren Beobachtungen verbunden haben.

00:53:26: Genau deswegen hat die Verteidigung dann auch später die Einholung eines Aussagepsychologischen Gutachtens beantragt und da hätte der Sachverständige untersuchen können wie die Erinnerung entstanden ist und ob es eine Beeinflussung gab, die jetzt zum Beispiel durch Medienberichte kam.

00:53:42: Das Gericht hat diesen Antrag jedoch abgelehnt.

00:53:46: Das Gericht ist nämlich davon ausgegangen, dass der Zeuge die betreffende Sendung gar nicht gesehen hat.

00:53:51: Und wenn er die Sendung nicht gesehen hatte dann konnte auch seine Erinnerungen nicht beeinflusst worden sein.

00:53:55: Ja gut, aber selbst wenn er die Sendung nicht gesehen hat könnte er doch auch durch andere Medienberichte irgendwie beeinflusst worden sein.

00:54:03: Es war ja jetzt hier nicht nur Aktenzeichen XY es gab da auch ganz viele andere Medien Berichte.

00:54:08: Ja genau und die Erinnerungen kann ja auch durch Gespräche durch Zeitungsartikel beeinflußt werden.

00:54:16: also für eine konkrete Bewertung in dem Sinne müsste man dann genau wissen welchen Informationen der Zeuge tatsächlich ausgesetzt Und deswegen lautete die entscheidende juristische Frage später auch nicht ob eine Beeinflussung abstrakt möglich gewesen wäre, sondern ob konkrete Anhaltspunkte dafür bestanden und ob das Gericht die Aussage ausreichend kritisch geprüft hat.

00:54:39: Ja du hast ja gesagt Erinnerungen sind keine Videoaufnahmen – das stimmt ja auch!

00:54:44: Aber werden denn Erinnerung mit der Zeit automatisch schlechter?

00:54:49: Ja also viele Details verblassen halt mit derzeit.

00:54:53: Besonders präzise Angaben zu Uhrzeiten, Entfernungen, Farben oder Kennzeichen werden natürlich schwieriger und gleichzeitig können aber zentrale oder sehr ungewöhnliche Eindrücke auch ganz lange erhalten bleiben.

00:55:07: Das Problem ist dass Menschen später oft nicht mehr unterscheiden können welche Details sie... Tatsächlich wahrgenommen haben und welche sie vielleicht ergänzt haben.

00:55:15: Und das ja ganz unbewusst auch.

00:55:17: Das bedeutet, eine konstante und selbstsichererzählte Aussage muss nicht wie wir wissen zwingend automatisch richtig sein!

00:55:25: Genau.

00:55:26: Konstanz kann ein relevantes Merkmal sein ist aber kein Wahrheitsbeweis und auch eine falsche Erinnerung kann tatsächlich stabil werden.

00:55:36: Umgekehrt können echte Erinnerungen leichte Veränderungen enthalten Und Menschen erinnern sich nicht an jedes nebensächliche Detail identisch.

00:55:46: Eine vollkommen wortgleiche Aussage kann sogar darauf hindeuten, dass sie stark eingeübt wurde.

00:55:51: Das muss man natürlich auch noch mal machen.

00:55:54: Für die Ermittlerinnen und Ermittlern ist die Fahrzeugbeobachtung dennoch von großer Bedeutung.

00:56:00: Sie verbindet die möglichen Nachtfahrt mit dem Tatort.

00:56:03: Nun gibt es aus ihrer Sicht ein immer dichteres Bild.

00:56:07: Henrike kannte das Haus Sie könnte Zugang zu einem Schlüssel gehabt haben.

00:56:12: Es gab familiäre Spannungen, die Familie hätte vom Erb profitiert.

00:56:17: Eine Fahrt von Haaren nach Koblen war zeitlich möglich und ein Fahrzeug aus dem familiären Umfeld soll in der Tatnacht näher des Hauses gesehen worden sein.

00:56:27: Valentina wenn du das jetzt so zusammen fasst dann klingt es schon ziemlich eindeutig Aber jedes Einzene dieser Details, die du gerade aufgezählt hast kann ja trotzdem eine harmlose Erklärung haben.

00:56:41: Ja ich glaube das ist tatsächlich auch das Schwierige an vor allem diesem Indizienprozess.

00:56:46: vielleicht kannst du uns da auch noch mal ins Bild setzen?

00:56:49: Also ein Gericht darf nicht jedes Indiz isoliert betrachten und sagen dafür gibt es aber eine harmloser Erklärungen also zählt das für uns nicht.

00:56:58: also ist das Indiz wertlos.

00:57:01: Es darf aber auch nicht viele schwache Indizien einfach sammeln und behaupten, das sind jetzt so viele.

00:57:07: Und weil es eine große Menge ist, ergibt sich dadurch automatisch eine Gewissheit darüber wie das Ganze abgelaufen ist?

00:57:15: Nein!

00:57:16: Das Gericht muss prüfen ob die Indizieren voneinander unabhängig sind also wie zuverlässig jedes einzelne ist und ob die Verbindung der einzelnen Indizient tatsächlich auf die Täterschaft hinweisen kann.

00:57:28: Kannst du mal so ein Beispiel dafür geben, dass Indizien nicht unabhängig sind?

00:57:33: Ja.

00:57:33: Also zum Beispiel drei Zeugen berichten alle dieselbe Beobachtung haben aber vorher darüber miteinander gesprochen.

00:57:41: dann sind es nicht wirklich drei Unabhängige Bestätigungen, weil sie ja miteinander gesprochen haben.

00:57:47: Möglicherweise geht alles auf die Erinnerung nur einer Einzelnen von diesen drei Personen zurück oder mehrere Indizien beruhen einfach auf derselben Annahme?

00:57:57: wenn diese Annahmen aber falsch ist verlieren alle gleichzeitig an Gewicht.

00:58:03: Ja also nach Monaten der Ermittlungen richtet sich der Verdacht schließlich immer deutlicher gegen Henrike Schemmer.

00:58:09: Aus Sicht der Ermittelnden ist sie nicht mehr nur eine Angehörige mit einer theoretischen Zugangsmöglichkeit, sondern Sie wird zur zentralen Beschuldigten.

00:58:20: Am Zweiundzwanzigsten Mai zwei Tausend zwölf wird sie festgenommen.

00:58:25: Zu diesem Zeitpunkt sind seit dem Tod von Heinrich und Waldhaut mehr als zehn Monate vergangen.

00:58:32: Henrike bestreitet den Tatvorwurf – sie gesteht weder die Fahrt nach Koblenz noch die Tötung ihrer Schwiegereltern.

00:58:40: Frage an dich, Christian.

00:58:41: Was passiert jetzt juristisch bei einer Festnahme in einem solchen Indizienfall?

00:58:46: Reicht da überhaupt so ein dringender Tatverdacht oder muss die Tata schon fast bewiesen sein?

00:58:53: Nein, eine Untersuchungshaft hat andere Voraussetzungen.

00:58:56: Dafür bedarf es keiner endgültigen richterlichen Überzeugung – also das Gericht muss nicht sicher sein, dass sie die Täterin gewesen ist.

00:59:06: Es reicht ein dringender Tatverdacht!

00:59:09: Das ist etwas anderes als die vollständige Gewissheit.

00:59:12: Das bedeutet, dass sich nach Auffassung des Gerichts eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür vorlagte, Aber eine Untersuchungshaft hat auch noch andere Voraussetzungen.

00:59:24: Es bedarf nämlich eines sogenannten Haftgrunds und das kann sein also die Fluchtgefahr oder die Verdunklungsgefahr,

00:59:33: d.h.,

00:59:33: dass jemand versucht irgendwie Beweise zu vernichten oder Zeugen zu beeinflussen oder so.

00:59:40: in bestimmten Fällen kann auch die Schwere der Tat schon ausreichen.

00:59:44: für einen Haftgrund Entgültige Beweiswürdigung erfolgt aber erst in der Hauptverhandlung vor Gericht.

00:59:52: Erst da muss das Gericht nach der vollständigen Beweisaufnahme dann entscheiden, ob die Schuld tatsächlich so sicher feststellt, dass verurteilt

01:00:01: wird.".

01:00:01: Als der Fall vor das Landgericht Koblenz kommt stehen sich zwei völlig unterschiedliche Erzählungen gegenüber.

01:00:09: Die Anklage geht davon aus, dass Henrique in der Tat noch Koblenzwur Das Haus mit Amstüsse betrat ihre Schwiegereltern tötete und anschließend nach Haaren zurück hatte.

01:00:18: Als Motiv wird dann die Aussicht auf einen wirtschaftlichen Vorteil durch das spätere Erbe angenommen.

01:00:24: Die Verteidigung hält dagegen.

01:00:26: Es gibt keine Tatwaffe, kein geständenes und keine eindeutige kriminaltechnische Spur.

01:00:33: Niemand hatte Henrique beim Betreten des Hauses oder bei der Tat gesehen – die wichtigste Verbindung zum Tatort beruht auf einer späteren Zeugenerinnerung.

01:00:42: Die ist da anscheinend sehr entscheidend gewesen.

01:00:46: Das Gericht muss jetzt entscheiden, welche Geschichte stimmt?

01:00:50: Die Annahme der Ermittler oder die Verteidigung?

01:00:54: Um es genau zu sagen, muss das Gericht prüfen ob die Version der Anklage, also der Staatsanwaltschaft bewiesen ist.

01:01:03: Die Verteidigung muss hingegen keine vollständige Alternative Geschichte präsentieren.

01:01:09: Also sie muss nicht das Gegenteil, sie muss die Unschuld beweisen oder sie muss beweisen wer sonst die Tat begangen hat oder wie sonst der Tatablauf gewesen sein muss.

01:01:20: Es reicht da einfach eine alternative Geschichte präsentieren zu können und das Gericht muss dann

01:01:26: entscheiden.".

01:01:27: Ja ich habe mich auch gefragt wenn Sie es nicht war... Wer war es dann?

01:01:31: Ja klar, nur diese Frage ist ja auch menschlich verständlich, juristisch aber ziemlich gefährlich.

01:01:37: Denn wenn die Beweise nicht ausreichen muss das Gericht freisprechen – auch wenn der wahre Täter unbekannt gewesen ist!

01:01:45: Also die Ungewissheit darüber wer es sonst alternativ gewesen sein könnte darf keine Beweislücke zulasten des Angeklagten schließen oder hier der Angeclagten.

01:01:56: Ich glaube tatsächlich, dass genau an der Stelle jetzt viele sagen würden es gibt also eigentlich ja gar keine Beweise sondern nur Indizien.

01:02:03: Ja aber dieser Satz ist eben juristisch falsch.

01:02:06: Indizie sind keine Beweise.

01:02:09: Der Unterschied besteht nicht zwischen Beweisen und Indizieren, sondern nur zwischen unmittelbaren und mittelbaren Beweisen.

01:02:17: Also ein unmittelbarer Beweis wäre zum Beispiel eine Videoaufnahme der Tat.

01:02:22: Ist ganz klar, ne?

01:02:23: Dann ist es eindeutig.

01:02:24: oder aber wenn jemand das Ganze gestanden hat auch das wäre eindeutlich.

01:02:28: Aber ein Indiz beweist zunächst nur eine andere Tatsache aus der dann anschließend auf die eigene eigentliche Tat geschlossen wird.

01:02:37: also Wenn ein Fahrzeug in Tat näher gesehen wurde beweist er natürlich nicht dass das die Täterin gewesen ist und beweist erst mal nur die Anwesenheit des Fahrzeugs am Tatort.

01:02:49: Es beweist aber auch nicht automatisch, wer da drin saß oder wer die Tat begangen

01:02:53: hat.".

01:02:55: Und wenn jetzt jemand ein Schlüssel zum Haus hatte, beweist das ja eigentlich ebenfalls nur dass die Person Hilein gelangen konnte?

01:03:03: Das gleiche gilt aber auch für finanzielle Schwierigkeiten und ein schlechtes Verhältnis zu den Opfern oder auch die Aussicht auf irgendeinen Erbe.

01:03:13: Keines dieser möglichen Indizien reicht für sich alleine aus.

01:03:16: Also die Frage lautet deshalb, ob alle Indizient zusammen so ein eindeutiges Bild ergeben das eben dann kein vernünftiger Zweifel an der Täterschaft mehr besteht?

01:03:28: Was heißt denn jetzt genau?

01:03:29: Vernünftige Zweifeln?

01:03:31: muss Eingericht dann hundertprozentig sicher sein?

01:03:34: Also eine mathematische Sicherheit gibt es im Strafprozess gar nicht, das ist ja gar nicht möglich.

01:03:42: Die Juristerei ist keine exakte Wissenschaft.

01:03:45: Das Gericht muss einfach persönlich von der Schuld überzeugt sein.

01:03:50: aber diese Überzeugung muss nachvollziehbar und rational begründet sein.

01:03:55: Es reicht eben nicht dass die Geschichte der Staatsanwaltschaft lediglich wahrscheinlicher klingt als die andere.

01:04:04: Wenn am Ende ernsthafte und vernünftige Zweifel bleiben, muss freigesprochen werden.

01:04:09: Das ist dieser Indiubio-Poreo Grundsatz.

01:04:12: Rein theoretische Möglichkeiten für diese überhaupt gerne Anhaltspunkte gibt verhindern eine Verurteilung aber auch nicht.

01:04:20: Was wäre jetzt wenn die Verteidigung sagen würde es könnte doch ein anderer unbekannter Täter gewesen sein?

01:04:25: Ja, das wird ja dann häufig von der Verteidigung so gemacht.

01:04:28: Die Verteidingung darf natürlich selbstverständlich auf diese Möglichkeiten hinweisen.

01:04:32: Entscheidend ist aber ob es konkrete Anhaltspunkte für einen unbekannten Täter gibt oder eben nur eine abstrakte Möglichkeit.

01:04:39: Sonst könnte sich jeder irgendwie ein alternativen Täter aus den Fingern ziehen.

01:04:44: Hier ist es aber trotzdem so, dass ganz viele Dinge offen bleiben.

01:04:48: die Tatwaffe für die genaue Route war jetzt auch nicht bekannt und niemand weiß... Ganz genau und exakt, was jetzt da in dem Haus passiert oder gesprochen ist.

01:05:01: Ein Gericht müsste aber ja eigentlich erstmal alle diese Fragen beantworten bevor es jemandem dann mit dieser schweren Folge lebenslang einsperrt.

01:05:11: Das ist ja so.

01:05:13: Ja psychologisch gesehen bleibt auch ein Problem weil je mehr Lücken entstehen desto mehr Raum entsteht natürlich auch für Interpretation.

01:05:21: Menschen neigen dazu fehlende Informationen mit der Geschichte zu ergänzen, die sie auch selbst für am Wahrscheinlichsten halten.

01:05:28: Das ist dann der sogenannte Confirmation bias.

01:05:31: Er bedeutet eigentlich einfach nur dass wir Informationen stärker wahrnehmen und höher gewichten wenn Sie zu unserer bisherigen Annahme passen Und widersprechende Informationen erklären wir leichter weg.

01:05:46: Wenn die ermittelnden jetzt also bereits vermutet haben das Henrik die Täterin ist Dann kann ein neutraler Umstand plötzlich total belastend wirken.

01:05:54: Ein Anruf bei der Polizei kann dann zum Beispiel als Versuch verstanden werden, den Ermittlungsstand zu kontrollieren.

01:06:02: Wenn Henrique jetzt aber da zum Beispiel nicht anruft, kann das auch ihr mangelndes Interesse zeigen?

01:06:08: Das ist kein Vorwurf an einzelne Ermittlerinnen oder Ermittlern und Richter.

01:06:14: Aber es ist so ein allgemeiner menschlicher Denkmechanismus – den haben wir alle!

01:06:19: Und deshalb gibt es im Strafverfahren Kontrollmechanismen.

01:06:23: Es gibt ja die Verteidigung, Beweisanträge und ein mehrköpfiges Gericht und eben auch Rechtsmittel.

01:06:29: Trotzdem können keine Kontroll-Mechanismes garantieren, dass kein Fehler passiert.

01:06:36: Das wäre nicht das erste Mal, dass ein Gericht tatsächlich ein falsches Urteil spricht?

01:06:41: Ja absolut!

01:06:42: Also es gibt sicherlich viele Beispiele für viele Urteile... Eine besonders große Rolle spielt im Prozess die Aussage des Mannes, der das Fahrzeug in der Tat Nacht in Tatort näher gesehen haben will.

01:06:55: Für die Anklage ist diese Beobachtung wichtig, weil sie eine Verbindung zwischen dem familiären Umfeld in Emsland und dem Tatort in Koblenz herstellt.

01:07:04: Für Die Verteidigung liegt genau darin eine Schwachstelle – Der Zeuge meldete sich erst deutlich nach der Tat.

01:07:10: Seine Erinnerungen musste deshalb besonders sorgfältig geprüft

01:07:14: werden.".

01:07:14: Ja gut, es macht ja Sinn dass man das besonders sorgfältig prüft.

01:07:18: Aber nicht jeder Zeuge wird automatisch dadurch unglaubwürdig, dass er sich erst Monate später meldet.

01:07:26: Ne genau und man kann sich auch noch nach langer Zeit vielleicht an ungewöhnliche Beobachtungen erinnern.

01:07:32: Das habe ich eben schon mal erklärt.

01:07:34: aber natürlich nehmen die Details dann mit zeitlichem Abstand ab oder verblassen Und gleichzeitig steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass spätere Informationen die Erinnerung verändern.

01:07:45: Ja und das war ja jetzt hier auch der Grund, weshalb die Verteidigung dann einen Aussage psychologischen Sachverständigen haben wollte in dem Verfahren?

01:07:55: Genau also da ging es eben um die Frage ob jetzt diese öffentliche Fahndung und die ganzen Informationen, die es da auch öffentlich gab, ob sie vielleicht eine Scheinerinnerung ausgelöst haben könnten.

01:08:06: Was hätte denn so ein Aussage psychologischer Sachverständiger eigentlich genau gemacht?

01:08:11: Ja, ich glaube viele denken immer Aussagepsychologie.

01:08:13: Das funktioniert bestimmt wie so Lügendetektor aber es wäre natürlich sehr viel mehr untersucht worden und man schaut sich dann eben an wie diese Aussage entstanden ist.

01:08:24: Wann machte der Zeugner seine erste Angabe?

01:08:27: das ist schon mal ein wichtiges Detail.

01:08:28: Dann welche Details nannte er spontan?

01:08:31: Welche Informationen kannte er bereits und unter welchen Bedingungen sei das Fahrzeug?

01:08:37: Wie lange dauerte die Wahrnehmung, wie war ein Licht Entfernung und Aufmerksamkeit.

01:08:42: Und wie entwickelten sich seine Angaben über mehrere Vernehmungen hinweg?

01:08:46: Wenn ich da auch nochmal kurz ergänzen kann... Ich habe die Dokumentation ja auch zu dem Fall angesehen also eine der Dokumentations vom SWR.

01:08:55: Da wurde noch mal einigen Spuren nachgegangen.

01:08:58: Und unter anderem wurde da auch der Fahndungsflyer gezeigt, da war dann ein Bild von der Henrike Schämmer abgebildet das Fahrzeug mit dem richtigen Kennzeichen und ich glaube noch mehrere Details, ich glaub das Wohnhaus oder so.

01:09:14: Dann wurde dort oben ausgeschrieben bei sachdienlichen Hinweisen Zehntausend Euro Belohnung Das wurde dann auch kritisiert, dass das Autosamt-Kennzeichen gezeigt wurde und sich irgendwann erst jemand gemeldet hat.

01:09:31: Es gab so ein paar Sachen, die in dem Prozess Fragen aufgeworfen haben.

01:09:36: So ein paar Ungereimtheiten vielleicht?

01:09:39: Aber dieser Zeuge hier war ja offenbar völlig überzeugt.

01:09:43: Kann er sich denn trotz der Überzeugung geirrt haben?

01:09:47: Er kann sich auf jeden Fall geirrt haben, aber er kann auch subjektiv denken, dass das tatsächlich so war.

01:09:53: Ich hab ja eben schon mal gesagt, dass sich Erinnerungen mit den eigentlichen Erinnerung verschmelzen können und man denkt dann, dass es wirklich stimmt.

01:10:02: Es ist vielleicht eine falsche Erinnering, aber man denkt, das ist wirklich passiert.

01:10:08: Und deswegen ist das natürlich jetzt kein absolut sicherer Wahrheitsindikator.

01:10:15: Neben dem Fahrzeugzeugen, den wir gerade besprochen haben beschäftigt sich das Gericht aber auch intensiv mit der finanziellen Situation und dem möglichen Erbmotiv.

01:10:23: Die Anklage geht davon aus dass der Tod von Heinrich und Waldrauth die wirtschaftliche Situation der Familie im Emstland verbessern sollte.

01:10:31: Henrike wäre jetzt zwar nicht die unmittelbare Erben gewesen Das Vermögen wäre zunächst ihre Ehemann Bernd zu gefallen.

01:10:38: Trotzdem kann juristisch Habgier angenommen werden, wenn der wirtschaftliche Vorteil mittelbar der eigenen Familie zugutekommen soll.

01:10:45: So habe ich es zumindest gelesen!

01:10:48: Wo beginnt denn jetzt Habgir eigentlich?

01:10:50: Jeder finanzielle Vorteil kann doch nicht automatisch Mord aus HabgIR sein

01:10:54: oder?!

01:10:55: Nein, Habgier meint einen besonders rücksichtslosen Streben nach irgendeinem wirtschaftlichen Vorteil.

01:11:01: Wenn ein Mensch jemand anders tötet um an dessen Vermögen zu gelangen oder die eigene wirtschaftliche Lage zu verbessern dann kann dieses Mordmerkmal erfüllt sein.

01:11:11: Der Plan muss dabei jetzt nicht besonders vernünftig oder erfolgreich sein.

01:11:15: Entscheidend ist das Motiv also.

01:11:18: entscheidend ist was wollte die Person damit erreichen?

01:11:22: hat jemand getötet, um einen wirtschaftlichen Nutzen oder vorteil für sich zu haben.

01:11:29: Aber Menschen töten ja nicht einfach oder zumindest nicht immer nur weil sie ein bisschen mehr Geld haben

01:11:36: möchten.".

01:11:36: Das Gericht nimmt in dem Fall jetzt auch neben Habgier die Heimtücke an – das spielt natürlich eine zentrale Rolle, weil Heimtycke ja auch ein Mordmerkmal ist!

01:11:46: Kannst du vielleicht mal erklären, was Heimtückel genau bedeutet?

01:11:50: Im Alltag benutzt man das Wort ja einfach so für hinterhältiges Verhalten.

01:11:55: Ja, das kommt dem auch schon nah an.

01:11:57: Aber juristisch ist der Griff enger.

01:11:59: Ein heimtückisch handelt, vereinfacht gesagt, wer die Arg und die Wehrlosigkeit des Opfers bewusst ausnutzt um zu töten.

01:12:08: Und arglos is ein Mensch immer dann wenn er keinen Angriff erwartet also wenn er nicht damit rechnet.

01:12:15: Und wehrlos ist er, wenn seine Verteidigungsmöglichkeiten gerade aufgrund seiner Aglosigkeit eingeschränkt sind.

01:12:24: Ein Mensch der nachts in seinem eigenen Zuhause schläft ist in der Regel aglos und auch wehrlose weil er rechnet ja im Schlaf nicht mit einem tödlichen Angriff sonst würde man ja nicht schlafen.

01:12:36: Deshalb ist ganz häufig ein Angriff auf ein schlafendes Opfer auch gleichzeitig heimtückisch.

01:12:43: Muss denn dann ein Täter oder eine Täterin ausdrücklich denken, das Opfer schläft und deshalb kann es sich nicht verteidigen?

01:12:50: Ja, nicht in dieser Klarheit.

01:12:51: Aber die Person muss auf jeden Fall erkennen dass das Opfe unvorbereitet und dadurch auch keine Abwehrmöglichkeiten hat oder in seinen Abwehr Möglichkeiten eingeschränkt ist.

01:13:01: Und er muss sich bewusst sein, dass er diese Lage der Wehrlosigkeit ausnutzt.

01:13:07: ja also bei zwei Opfern muss das grundsätzlich für jedes Opfer für jedes einzelne Opfer gesondert geprüft werden.

01:13:16: Also wenn man zwei Leute umbringt und bei einem Heimtück geschandelt, muss es nicht eindeutig so sein dass auch das zweite Opfer heimtücke getötet wurde?

01:13:25: Wenn das zweite opfer zum Beispiel den ersten Angriff hört und dadurch bereits mit einer Gefahr rechnet dann ist er automatisch sofort nicht mehr arglos.

01:13:35: Es hängt von den konkreten Feststellungen ab Und genau diese inneren Vorgänge muss das Gericht aus dem äußeren Ablauf der Indizien des Tatgeschehens ableiten.

01:13:46: Im Prozess und in späteren medialen Darstellungen wird auch häufig das Verhalten einer angeklagten Person betrachtet, also wie tritt die Person auf?

01:13:54: Wirkt sie emotional?

01:13:56: Zeigt sie Reue oder reagiert sie auch auf Fotos oder Aussagen?

01:14:01: Was wir als psychologische Leyen ja immer uns fragen oder was ich total spannend finde, ist Kannst du als Psychologin denn aus dem Gespräch erkennen ob jemand eine Tat begangen hat?

01:14:12: Oder nicht.

01:14:13: Nee also so konkret beantworten kann Ich das tatsächlich jetzt nicht.

01:14:17: Also es gibt Ja keinen verlässlichen Täter Typ oder so an dem man Jetzt einen Mord erkennt.

01:14:22: Man könnte jetzt je nach Gutachten auftragen, psychische Erkrankungen und Schuldfähigkeit, prognostische Risiken oder so beurteilen.

01:14:29: Und ich könnte Angaben zum Tatgeschehen mit den Akten vergleichen.

01:14:34: Aber ich dürfte natürlich nicht sagen die Tat passt zu ihrer Persönlichkeit also war sie es.

01:14:39: Also zumindest nicht in einem direkten Ausmaß.

01:14:42: Das wäre sonst keine seriöse Diagnostik sondern eher eine rückwärtsgerichtete Geschichte.

01:14:50: Nach einer umfangreichen Beweisaufnahme kommt das Landgericht zum Ergebnis, dass die Indizien in ihrer Gesamtheit für die Täterschaft von Henrike Schelmer sprechen.

01:15:00: Am fünften August-Kanzler wird sie wegen Mordes in zwei Fällen zu lebenslanger Freiheitsschrafe verurteilt.

01:15:07: Zuletzt stellt das Gericht die besonders schwere Schuld fest.

01:15:11: Ja bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe denken viele wahrscheinlich automatisch daran, dass dann auch der Täter oder die Täterin ihr Leben lang ins Gefängnis muss.

01:15:21: Ich glaube ich habe es an anderer Stelle schon mal erklärt Das ist nicht so.

01:15:25: Lebenslang heißt nicht automatisch ein Leben lang im Knast, sondern nach fünfzehn Jahren prüft das Gericht, ob hier eine vorzeitige Entlassung möglich ist – wohl gemerkt frühestens nach fünf Zehn Jahren also fünfzehnt Jahre mindestens muss jemand bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe ins Gefängnis sein aber dann ist theoretisch eine Entlassungen möglich.

01:15:51: in der Regel ist die Haftstrafe aber deutlich länger als als fünfzehn Jahre.

01:15:58: Im Schnitt ist es so, dass die Täter bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe so nach zwanzig oder dreinzwanzig Jahren entlassen werden.

01:16:09: Wenn nicht die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird dann ist es noch länger.

01:16:14: Was bedeutet denn jetzt überhaupt besondere Schwere der Schuld?

01:16:17: Ja, das ist auch eine wichtige Frage.

01:16:19: Das Gericht bewertet bei dem Urteil oder bei der Prüfung das gesamte Maß der persönlichen Schuld.

01:16:26: Wenn diese persönliche Schuld außergewöhnlich hoch ist dann kann so eine besondere schwere der schuld festgestellt werden.

01:16:34: Eine Rolle dabei spielen zum Beispiel die Anzahl der Opfer Oder wie viele Mordmerkmale vorliegen Auch wenn das Tatmotiv besonders dass verwerflich ist und auch die Tatausführung an sich spielt eine Rolle, aber nicht jeder Mord führt automatisch zur Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

01:16:53: Kannst du in dem Zusammenhang auch mal die Sicherheitsverwahrung erklären?

01:16:58: Also das ist ja jetzt nicht das Gleiche!

01:17:00: Nein, also die blondere Schwere der Schuld betrifft die angemessene Dauer der Strafe für die jeweils begangene Tat.

01:17:07: Die Sicherungsverwahrung orientiert sich eher an der künftigen Gefährlichkeit – also der Prognose für die künftig gefährliche Gefährigkeit des jeweiligen Täters und dient dann eher dem Schutz der

01:17:19: Allgemeinheit.".

01:17:21: Die Verteidigung akzeptiert das Urteil jetzt nicht und legt Revision ein.

01:17:25: Viele Menschen stellen sich darunter einen zweiten vollständigen Prozess vor.

01:17:29: Tatsächlich funktioniert eine Revision jedoch anders.

01:17:33: Magst du das einmal für uns erklären?

01:17:35: Ja, die Revision ist keine neue Tatsacheninstanz.

01:17:38: der BGH, der Bundesgericht, prüft das Urteil auf Rechtsfehler.

01:17:43: Wurde das Strafrecht richtig angewendet wurden Verfahrensvorschriften eingehalten und so weiter ist die Beweiswürdigung widersprüchlich vielleicht lückenhaft oder logisch fehlerhaft oder irgendwie sowas dergleichen.

01:17:54: wenn das Land Gericht zum Beispiel eine Zeugenaussage für glaubhaft hält und diese Bewertung nachvollziehbar begründet, ersetzt der BGH dieser Auffassung des Gerichts auch nicht durch eine eigene Einschätzung.

01:18:07: Ja – und am siebenundzwanzigsten Mai, zwei-tausendviertzehn wird die Revision verworfen.

01:18:13: Damit ist das Urteil rechtskräftig!

01:18:16: Doch obwohl der Fall damit juristisch entschieden ist beginnt einige Jahre später eine neue öffentliche Debatte.

01:18:22: kann eine rechtskräftig verurteilte Frau trotzdem Opfer eines Fehl-Urteils sein.

01:18:28: Mit der Verwerfung der Revision ist der Fall juristisch zunächst abgeschlossen.

01:18:33: Henrike Schemmer ist rechtskräftig wegen Mordes in zwei Fällen verurteilt, sie verbüßt eine lebenslange Freiheitsstrafe und das Gericht hat zusätzlich die besondere Schwere ihrer Schuld festgestellt.

01:18:45: Für die Justiz steht damit fest wer Heinrich und Waldraud Schemmert getötet Doch Henrike Schemmer bleibt bei ihrer Aussage.

01:18:53: Sie bestreitet die Tat weiterhin.

01:18:55: Es gibt später kein Geständnis, keine Erklärung zum Tatablauf und keine nachträgliche Einlassung in der sie die Verantwortung übernimmt.

01:19:03: Stattdessen hält sie daran fest dass sie in der Tat Nacht nicht nach Koblenz gefahren sei und ihre Schwiegereltern nicht getötet habe.

01:19:12: Damit entsteht eine Situation die bei rechtskräftigen Verurteilen besonders schwierig sind.

01:19:17: Auf der einen Seite steht ein umfangreiches Gerichtsverfahren, in dem zahlreiche Zeugen gehört und viele einzelne Indizien ausgewertet wurden.

01:19:24: Auf der anderen Seite steht eine Frau die acht Jahre später erklärt für eine Tat in Haft zu sitzen, die sie nicht begangen habe.

01:19:32: Bei der bereits angesprochenen Doku, Mord ohne Beweise, spricht der Fallanalytiker und Kriminalist Stefan Haarbord erneut über den Doppelmord in Horchheim.

01:19:43: Er sprich da noch mal mit Beteiligten, betrachtet den angenommenen Tatablauf und er überprüft sogar selbst die Fahrzeit.

01:19:49: also setzt sich mit einem baugleichen Auto ja auf dem Weg zwischen Horcheim und Koblenz und schaut ob Henrike überhaupt in dieser Zeit die Strecken gefahren sein kann.

01:19:59: auch das Tatbild wird dort nochmal thematisiert.

01:20:02: die massive Gewalt und die Vielzahl der Stichverletzungen werfen die Frage auf, ob sie zu dem angenommen finanziellen Motiv überhaupt passen.

01:20:10: Und dann kommt ja auch noch die Fahrzeugbeobachtung.

01:20:13: Da hat er sich die Frage gestellt, ob die Aussage des Zeugen tatsächlich so zuverlässig sein konnte?

01:20:19: Und ob das überhaupt genauso stattgefunden haben konnte?

01:20:22: Die Dokumentation führt damit nicht nur einige Zweifel auf sondern sie vermittelt den Eindruck dass die Geschichte möglicherweise noch gar nicht geschlossen war und es vielleicht zu einem Fehlurteil kam.

01:20:35: Ja gut, also die Arbeit des Profilers hier in allen Ehren.

01:20:40: aber es reicht ja jetzt nicht für eine Neuaufnahme wenn ein Profiler den Ablauf eines vermuteten Tatgeschehens für unplausibel erhält.

01:20:52: da hat das Gericht oder das gerichtliche Urteil aber weiterhin Bestand.

01:20:56: Nee, genau das stimmt.

01:20:58: Also ein Profiler entscheidet natürlich auch nicht über Schuld oder Unschuld aber er kann aber noch mal die Ermittlungsansätze überprüfen und schauen ob ein angenommener Ablauf mit dem Tatbild überhaupt vereinbar ist.

01:21:10: Ich finde das im Übrigen super spannend.

01:21:11: ich habe auch schon ja oft gesagt ich find profilingen super interessant Und hab' auch gesehen in der Doku zum Beispiel da sind auch Psychologen die damit reingeholt werden finde ich super erspannend.

01:21:22: Aber ich hätte mir auch gedacht dass Stefan Harbert vielleicht einen ganz toller Gast für unseren Podcast wäre.

01:21:28: Ich weiß nicht, wie du dazu stehst aber ich gehe davon aus die hat ganz viele spannende Geschichten zu erzählen und vielleicht auch zu dem konkreten Fall hier.

01:21:36: Finde ich auch total spannend.

01:21:38: wir können ja mal überlegen und wir können mit ihm sprechen und vielleicht hat er Lust bei uns zu Gast sein.

01:21:44: Mal schauen!

01:21:45: Aber wenn wir uns jetzt mal vorstellen er wäre zu Gast was genau würdest Du ihn fragen?

01:21:51: mich konkret würde interessieren, welche Alternative er zu dem gerichtlichen Verfahren oder zu dem Tatablauf angenommen hat.

01:21:59: Also angenommen wenn Henrique jetzt nicht die Täterin war?

01:22:02: Welche Täterhypothese erklärt er dann also?

01:22:06: wie hat sich die Person Zugang zum Haus geschafft?

01:22:08: was ist mit den fehlenden Einbruchsspuren?

01:22:09: das ist mit der massiven Gewalt.

01:22:12: ich würde aber auch fragen welches Indiz aus seiner Sicht am stärksten gegen Henry gespricht und warum das jetzt trotzdem nicht ausreichen soll.

01:22:20: Und besonders wichtig wäre auch die Frage, ob es tatsächlich neue Tatsachen oder neue Beweismittel – also ob er neue Beweismittel sieht.

01:22:28: Oder ob er vor allem zu einer anderen Bewertung gekommen wäre jetzt in diesem Indizienprozess?

01:22:34: Denn das ist ja wichtig!

01:22:35: Eine Wiederaufnahme gibt es nur wenn es wirklich neue Tatzachen zutage getreten sind, die damals noch nicht vorlagen.

01:22:47: Das ist ein ganz wichtiger Unterschied.

01:22:49: Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass sehr viele Menschen die Dokumentation gesehen haben und jetzt davon überzeugt sind, dass das Urteil falsch ist.

01:22:58: Reicht dann so ein öffentlicher Zweifel aus damit man nochmal einen neuen Prozess beginnen kann?

01:23:04: Nee, das reicht nicht aus!

01:23:05: Und es ist auch richtig, sodass das nicht ausreicht.

01:23:07: Ich kann zwar verstehen, dass Volkes Stimme das gerne anders hätten ein komisches Gefühl zurückbleibt, dass hier ein falsches Urteil gesprochen wurde.

01:23:19: Aber das reicht eben nicht, dass viele Zweifel haben eine Wiederaufnahme und auch egal ob es jetzt zugunsten eines verurteilt ist oder nicht, ist nur unter gesetzlich ganz strengen Voraussetzungen möglich und besonders relevant sind dabei eben ich habe schon gesagt neue Tatsachen oder eben neue Beweismittel die in Verbindung mit dem, was bisher vorlag und was bisher festgestellt wurde dann eben zu einer anderen Entscheidung hier dann zum Freispruch führen könnten.

01:23:49: Was wäre denn jetzt in dem Fall eine wirklich neue Tatsache?

01:23:53: Da gibt es viele denkbare Möglichkeiten.

01:23:55: Zum Beispiel, wenn rauskommt, dass Henrike während der Tatzeit gar nicht am Tatort sondern an einem völlig anderen Ort war – wenn das also feststeht!

01:24:06: Eine neue technische Spur die eindeutig auf einer andere Person hinweist.

01:24:10: auch das wäre möglich.

01:24:11: Oder die Tatwaffe wird gefunden und darauf finden sich Spuren eines anderen Täters.

01:24:16: Es gibt da wirklich zahlreiche Möglichkeiten, aber die Gerichte sind da sehr streng.

01:24:23: Was wäre denn jetzt mit einem neuen Gutachten?

01:24:25: Also wenn jetzt ein anderer Psychologe oder eine andere Psychologin sagt dass die Aussage unzuverlässig ist?

01:24:32: Ja, theoretisch kann so ein neues Gutachten unter bestimmten Voraussetzungen auch ein neues Beweismittel sein.

01:24:37: Es reicht aber nicht automatisch, dass irgendein anderer Sachverständige das selbe Material einfach nur anders bewertet als der vorherige Sachverständig.

01:24:46: Das reicht eben nicht aus!

01:24:47: Es müsste vielmehr einen neuer methodischer Ansatz dazu kommen oder ein neuer tatsächlicher Erkenntniswert dazukommen.

01:24:56: Vielleicht lagen im ursprünglichen Gericht bestimmte Informationen nicht vor oder es existierte eine neue wissenschaftliche Erkenntnis, durch die die frühere Bewertung des Sachverständigen oder des Gerichts eben einfach nicht mehr haltbar ist.

01:25:08: Ja das klingt auf jeden Fall sehr streng.

01:25:09: ich kann das irgendwie aus meiner beruflichen Perspektive auch gar nicht so ganz nachvollziehen.

01:25:13: warum dieses Gutachten nicht zugelassen wurde?

01:25:17: Ich verstehe das.

01:25:18: Es ist ja auch streng, aber dahinter steht ein Konflikt zwischen zwei wichtigen Interessen in so einem Strafprozess.

01:25:26: Auf der einen Seite geht es um die materielle Gerechtigkeit also wenn ein Mensch unschuldig verurteilt wurde muss es eben eine Möglichkeit geben diesen Fehler zu korrigieren.

01:25:37: soweit so gut.

01:25:38: Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Rechtssicherheit.

01:25:42: Ein Verfahren kann eben nicht einfach unbegrenzt immer wieder neu verhandelt werden, nur weil eine andere weitere Person irgendeine andere Interpretation hier anbietet.

01:25:52: Wenn das so wäre – das kommt ja tatsächlich häufiger vor – dann würden Verfahren sehr lange dauern und immer wieder aufgenommen werden und es entsteht keine Rechtssicherung.

01:26:02: Deswegen ist irgendwann einfach mal Schluss.

01:26:05: Es sei denn wie gesagt, es dauert noch neue Beweise auf.

01:26:09: Gut, kann ich irgendwie auch nachvollziehen?

01:26:11: Ich glaube das hat immer alles vorn Nachteile.

01:26:13: wie du schon sagst man muss ja irgendwann zu einem Urteil kommen oder zu einer Rechtsprechung kommt im Jahr.

01:26:18: Im Jahr zwei tausend dreiundzwanzig kommt es zu einer ungewöhnlichen weiteren Entwicklung.

01:26:23: Henrik ist ehemal ein.

01:26:24: Bernd erhebt eine Zivilklage gegen seine Frau und verlangt Schadensersatz beziehungsweise Schmerzensgeld wegen der Tötung seiner Eltern.

01:26:38: Bernd sagt ja, seine Frau ist unschuldig.

01:26:40: Er glaubt an seine Frau aber wieso verklagt er sie dann jetzt nochmal?

01:26:45: Hinter der Klage steht offenbar der Versuch eine erneutige richtige Befassung mit Teilen der Beweislage zu erreichen.

01:26:53: So habe ich es gelesen.

01:26:55: Möglicherweise sollten dabei Erkenntnisse gewonnen werden die später für eine Wiederaufnahme des Strafverfahrens genutzt werden könnten.

01:27:02: Die Klage wird dir doch abgewiesen, auch daraus ergibt sich keine erfolgreiche Wiederaufnahme.

01:27:09: Auch das finde ich irgendwie nochmal ganz interessant weil es klingt für mich ein bisschen so als hätte er das taktisch gewählt dass das dann über den Zivilprozess noch mal neu aufgerollt wird.

01:27:20: Ja, das war ganz bestimmt die Intention dahinter.

01:27:23: Das glaube ich auch.

01:27:25: im Strafprozess geht es ja um die Schuld an einer Straftat und um die besonders hohen Anforderungen, die mit so ner Verurteilung verbunden sind.

01:27:34: Im Zivil-Prozess hingegen geht's aber um Ansprüche zwischen den Parteien.

01:27:38: Da ist der Staat als Partei also die Staatsanwaltschaft gar nicht beteiligt.

01:27:44: Eine zivilrechtliche Auseinandersetzung ersetzt deshalb auch kein strafrechtliches Wiederaufnahmeverfahren.

01:27:49: Das sind einfach zwei unterschiedliche Paar Schuhe, selbst wenn in einem Zivilprozess einzelne Beweismittel neu bewertet werden oder sogar ganz anders bewerted werden müssen für die Wiederaufnahme in einem Strafverfahren weiterhin die gesetzlichen und eben strengen Voraussetzungen erfüllt sein.

01:28:07: Ich frag mich aber gerade Und das ist auch eine wichtige Frage, wie es psychologisch für Menschen sein muss.

01:28:15: Wenn er jahrelangenhaft sitzt und genau weiß ich habe das einfach nicht getan!

01:28:20: Ich sitze hier im Gefängnis und ich war es

01:28:23: nicht.".

01:28:24: Ja, das ist natürlich eine ganz extreme Belastung.

01:28:27: Das möchte man sich gar nicht vorstellen müssen.

01:28:30: ein unschuldig inhaftierter Mensch erlebt ja auch nicht nur den Freiheitsentzug.

01:28:34: Du wirst ja auch in den Medien so dargestellt, jetzt kommt sie vielleicht aus einem Dorf.

01:28:39: Das heißt das ganze Dorf wird natürlich darüber Bescheid wissen.

01:28:42: die Familie also die wird ja zum einen mit reingezogen.

01:28:46: auf der anderen Seite gibt es ja sogar Kinder die damit im Spiel sind.

01:28:48: Es gibt ja drei Kinder.

01:28:50: da fragt man sich auch wie geht es den Kindern?

01:28:52: Man verpasst ja auch ganz viel in der Entwicklung der Kinder.

01:28:55: man sieht seine Familie nicht und Ehemann nicht.

01:28:57: Also das ist ja auf ganz vielen Ebenen wirklich hochproblematisch, wenn man dann wirklich unschuldig sein sollte.

01:29:03: Wie kommt man da wieder raus ohne seine Identität vielleicht irgendwann zu ändern?

01:29:07: Das kann natürlich bei einem Fall von Henrique natürlich zur Ohnmacht Wutverzweiflung führen, tiefen Misstrauen und es gibt eben auch Menschen die kämpfen dann dauerhaft gegen das Urteil.

01:29:19: andere ziehen sich vielleicht eher zurück Und wieder andere versuchen sich vielleicht auf den Alltag im Vollzug zu konzentrieren, vielleicht zu hoffen dass es eine vorzeitige Entlassung geben kann.

01:29:29: Aber das ist natürlich ganz schwierig.

01:29:31: also ich möchte mir das wirklich nicht vorstellen wie das sein muss da in Haft hier zu sein und auch da nochmal so ein bisschen aus beruflicher Praxis.

01:29:40: Ich habe ja selbst auch im Maßregelvollzug gearbeitet.

01:29:44: Ich muss sagen, ich hab mir schon oft die, also gerade zu Beginn als ich da angefangen habe zur Arbeit und die Frage gestellt wie wär's jetzt wenn ich hier hinter den... Also es sind ja trotzdem auch Zäune.

01:29:54: Wenn ich hinter diesen Zäuen sitze und ich komm' nicht raus weil ich kann nach Feierabend einfach nach Hause gehen Und die Menschen die hier sind, die sind einfach trotzdem ja eingesperrt und genauso natürlich in der JVA

01:30:06: Ja, aber also unabhängig davon wie die Menschen sich dann inhaftiert verhalten kann man daraus und darf daraus keine Schlüsse ziehen.

01:30:16: Also das Verhalten im Vollzug beweist weder Schuld noch Unschulde.

01:30:20: es ist ja möglich dass ein tatsächlich schuldiger Mensch, dass über Jahre hinweg immer wieder konsequent bestreiten kann.

01:30:27: Wohingegen ein unschuldiger Menschen irgendwann auch resignieren kann oder sogar ein falsches Geständnis ablegt weil er sich davon vielleicht irgendwelche Vorteile Hafterleichterungen oder sonst was verspricht.

01:30:38: Also selbst ein geständnis wäre dann nicht automatisch der Beweis für die Täterschaft.

01:30:44: Genau ich finde das eigentlich auch schon die wichtigen Punkte gesagt.

01:30:47: also Geständnisse kommen natürlich vor falsche Geständnisse und das kann auch durch massiven Druck oder psychische Belastung entstehen, aber auch durch suggestive Befragungen.

01:30:57: Aber wie du auch schon gesagt hast eben auch Hafterleichterungen.

01:31:00: Ich glaube dass es so eins sogar vielleicht der Hauptdinge warum man ein falsches Geständnis äußern könnte um sich zu erhoffen vielleicht wird meine Strafe da nicht ganz so schlimm und ich komme früher raus.

01:31:12: Ja, bei der Frage wann man rauskommt werden ja auch wieder werdet ihr wie du Gutachter herangezogen um zu beurteilen ob von dieser Person weiterhin eine Gefahr für die Öffentlichkeit ausgeht.

01:31:25: Jetzt hast Du ja vorhin erklärt dass ein Geständnis keine Voraussetzung für eine spätere Entlassung ist.

01:31:31: aber wenn jemand weiterhin beharrlich bestreitet der oder die Täterin gewesen zu sein Wie beurteilten dann aus Deiner Sicht als gut acht darin, ob von dieser Person die ja weiterhin bestreitet auch noch eine Gefahr ausgeht.

01:31:48: Ja das ist jetzt natürlich ne sehr schwierige prognostische Situation weil bei einer eingestandenen Tat kann man natürlich auch den Tatverlauf analysieren.

01:31:56: Man kann untersuchen welche Konflikte oder Gedanken oder Entscheidungen zu der Tat geführt haben und dann lässt sich eben aus dem damaligen Risikosituation zukünftig Schutzfaktoren ableiten.

01:32:09: also ich Bei einer vollständig bestrittenen Tat fehlt aber ja diese Möglichkeit.

01:32:14: Also man kann nicht einfach voraussetzen, dass die gerichtlich festgestellte Motivation auch von der verurteilten Person innerlich geteilt wird.

01:32:23: Zum Beispiel jetzt in dem Fall Harbgier.

01:32:25: also das finanzielle Motiv.

01:32:27: Das ist jetzt zwar vom Gericht so festgestellt,

01:32:31: d.h.,

01:32:31: natürlich ist es dann tatsächlich auch so wahr.

01:32:36: Zumindest behauptet sie das!

01:32:38: Deswegen muss man dann eben als Sachverständiger auf andere Informationen zurückgreifen, zum Beispiel die allgemeine Gewaltvorgeschichte.

01:32:45: Wie verhält sich die Person im Vollzug?

01:32:48: Wie geht sie mit Klärungen und Konflikten um bestehende psychische Erkrankungen oder Abhängigkeiten?

01:32:54: Und welche sozialen Beziehungen an Zukunftsperspektiven gibt es?

01:32:58: Also jemand, der jetzt zum Beispiel extrem viele Vorstrafen hat, die auch schon vielleicht in diese Richtung gehen oder viele Körperverletzungsdelikte.

01:33:06: Das ist natürlich sehr ungünstig und wenn man gleichzeitig jetzt z.B.

01:33:11: eine sehr gute soziale Beziehung hat, dann weiß man wo die Person danach unterkommen kann, dass sie vielleicht wieder einen Job findet, das die Familie aufgefangen wird – das ist prognostisch zum Beispiel sehr günstig!

01:33:21: Ja...

01:33:21: Und

01:33:22: man darf ja nicht sagen nur weil jemand die Tat nicht zugibt, ist er oder sie weiterhin gefährlich?

01:33:28: Ja, genau.

01:33:29: Jedenfalls nicht ohne weitere Begründung und das Bestreiten kann aber trotzdem auch die Deliktaufbearbeitung erschweren.

01:33:36: Man kann ja im Prinzip gar keine Delikt-Aufbearbeitungen machen.

01:33:39: Und wenn sie jetzt aber auch nicht stattgefunden hat... Also es ist natürlich immer schwierig so abzuwägen.

01:33:45: Genau, aber es ist nicht automatisch ein Risikofaktor für erneute Gewaltstraftaten.

01:33:49: Das ist ganz richtig!

01:33:52: Ja Valentina, ich kann mir schon vorstellen was in unseren Kommentaren stehen wird.

01:33:58: Wie ist es denn?

01:33:59: Glaubst du dass Henrike die Tat begangen

01:34:02: hat?

01:34:03: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich finde die Frage extrem schwierig zu beantworten.

01:34:07: also ich habe ja viele Berichte jetzt gelesen und auch die Dokumentation angeguckt.

01:34:13: Das ist ganz schwierig, also man schwankt natürlich immer wieder zwischen Ja und Nein.

01:34:16: Jetzt ist es aber auch so dass wir gar keine Akteninformation oder so zur Verfügung haben.

01:34:20: Wir haben ja wirklich nur das was jetzt öffentlich auch zugängig war.

01:34:23: Das heißt so richtig seriös beantworten kann ich's natürlich nicht mit Ja oder Nein.

01:34:28: Ich habe ja auch kein Gutachten erstellt oder siebe gut achtet.

01:34:31: Aber für mich ist irgendwie auch entscheidend die Entstehung der Fahrzeugbeobachtungen.

01:34:36: Das lässt mich nicht so ganz los, dass es da kein Aussage psychologisches Gutachten gab und diese Aussage wurde ja aber als wesentliches Verbindungsglied zwischen Henrik und dem Tatort verwendet.

01:34:49: D.h.,

01:34:49: die Qualität der Aussage müsste eigentlich sorgfältig geprüft werden weil sie also eine enorme Entscheidungsgewalt für dieses Urteil hatte.

01:34:58: am Ende Ich persönlich würde natürlich wissen wollen, welche Angaben hat der Zeuge bei seiner allerersten Vernehmung gemacht.

01:35:06: Also welche Details waren da bereits öffentlich bekannt?

01:35:09: Warum erinnerte er sich überhaupt an das Auto?

01:35:12: Wie waren die Licht- und die Wahrnehmungsbedingungen?

01:35:14: Und wie entwickelten sich seine Angaben im weiteren Verlauf?

01:35:19: Also kam dann vielleicht immer mehr Details dazu weil er dann auch eben auch öffentliche Informationen gesehen hat oder nicht?

01:35:24: Das kann man schon aussagen, psychologisch auch überprüfen und damit möchte ich ihm an der Stelle nicht vorwerfen dass es nicht so gewesen ist.

01:35:30: Aber das passiert tatsächlich auch oft im Unterbewussten.

01:35:34: deswegen hätte mich da schon sehr interessiert ja und dementsprechend schwanke ich da sehr und kann da nicht viel zu sagen.

01:35:44: Ich habe mich aber auch gefragt wie ihre Chancen auf eine Entlassung auf Bewährung stehen könnten.

01:35:49: Also ich meine, das Urteil ist ja jetzt auch schon etwas länger her.

01:35:53: Ich glaube knapp dreizehn Jahre müssten es sein.

01:35:55: nach fünfzehn Jahren hast du glaube ich eben gesagt darf neu geprüft werden?

01:35:59: Ich könnte mir vorstellen dass ihre Chancen ganz gut sein könnten.

01:36:03: nur noch Vermutungen aber ich gehe davon aus dass ihr Haftverlauf sehr gut ist.

01:36:06: Ich habe gesehen dass sie mittlerweile im offenen Vollzug ist aber immer noch inhaftiert.

01:36:10: also Auch da ganz spannend vielleicht, wenn wir da einfach dranbleiben an dem Fall und mal schauen was in den nächsten Monaten oder Jahren noch Neues kommt.

01:36:19: Aber wie sieht es bei dir aus?

01:36:21: Was sagst du zu der Frage?

01:36:23: Ja das ist schon nicht so einfach.

01:36:25: Ich gehe da mit dir, ich kenne ja auch die Strafakte selber nicht sondern... Wir orientieren uns an dem Urteil, ohne die Akte gelesen zu haben.

01:36:36: Und wir orientieren auch an seriösen Presseberichten wohlgemerkt.

01:36:41: Also letztlich ist da schon so ein kleines Störgefühl, dass man sich denkt ja es könnte tatsächlich ein Fehlurteil gewesen sein ob das wirklich so ist.

01:36:52: Da vermarke ich mir seriöserweise keine abschließende Meinung zu bilden.

01:36:58: Ich hab schon so ein kleines Störgefühl, aber ob das reicht für eine Wiederaufnahme da bin ich eher skeptisch.

01:37:04: Also ich habe zwar einen Stör gefühlt, ich gehe davon aus gerade weil ja auch hier schon viele Jahre vergangen sind und ist nicht zu einer Wiener Aufnahme gekommen ist dass es vermutlich bei der Verurteilung bleiben wird und ob sie's war oder nicht.

01:37:19: Aber was soll ich sagen?

01:37:20: Ich weiß es nicht

01:37:21: Ja, aber ich glaube das fasst noch mal ganz gut zusammen.

01:37:23: Es ist einfach wirklich ein spannender Fall finde Wir haben ja auch eben schon mal gesagt, es gab ja einfach nur die Indizien.

01:37:31: Gibt keine Tatwaffe etc.

01:37:33: und ich glaube daran liegt auch einfach die Schwierigkeit des Falsens und deswegen spankt man dann immer wieder zwischen Ja und Nein und vielleicht doch und vielleicht nicht.

01:37:42: Aber wir dürfen auch nicht vergessen am Ende bleiben zwei Menschen, die in ihrem eigenen Haus auf besonders brutale Weise getötet wurden.

01:37:51: Heinrich und Waldraud Schämmer verloren in der Juli nach Zwei-Tausend-Elf ihr Leben ohne dass sie eine Möglichkeit hatten, sich wirksam zu schützen.

01:37:59: Es bleibt eine rechtskräftig verurteilte Frau die die Tat aber bis heute bestreitet und es bleibt ein Fall der zeigt wie schwierig die Suche nach Wahrheit im Strafverfahren sein kann.

01:38:12: Ich möchte an der Stelle auf jeden Fall auch noch mal die Dokumentation empfehlen.

01:38:15: Die ist wirklich super interessant und da gibt es auch noch mehr Fakten, aber die würden jetzt glaube ich den Rahmen einfach extrem sprengen.

01:38:23: Ja also ich persönlich habe sie auf YouTube gefunden, aber ich gehe mal davon aus dass es die bestimmt auch in einer SWR Mediathek gibt.

01:38:32: Genau!

01:38:32: Ich hab' sie aber auf Youtube gefunden, das sind drei Teile kann man sich wirklich gut angucken.

01:38:38: Also ich nur mal als kleiner Spoiler vielleicht, da gibt es dann auch noch Hinweise dass zum Beispiel ein Schlüssel im Gebrüsch gefunden wurde neben der Haustür.

01:38:47: Keiner weiß wie dieser Schlüssel dahin gekommen ist ob er verwendet wurde oder nicht.

01:38:51: Es gibt eine Suizidtheorie seitens der Henry-Geschämmer.

01:38:56: Sie hat sich wohl an dem Abend auch mal ins Auto gesetzt, sie wollte sich aber eigentlich das Leben nehmen.

01:39:02: Auch dazu gibt es eigentlich kaum Angaben weil da wohl nicht weiter ermittelt wurde in die Richtung.

01:39:07: Also es gibt super viele ungeklärte Sachen und ich glaube... Deswegen bleibt der Fall auch weiterhin spannend und wenn wir das noch mal in irgendeiner Folge aufgreifen sollten, vielleicht auch mit neuen Informationen dann können wir vielleicht auch nochmal eben über diese Theorien sprechen.

01:39:21: Ja!

01:39:22: Und eigentlich drängt sich ja da quasi die Knastfrage der Woche direkt auf.

01:39:27: ne?

01:39:28: Leute... Was glaubt denn ihr?

01:39:30: Glaubt ihr, Henrike ist schuldig oder glaubt ihr eher dass sie unschuldig ist.

01:39:37: Oder wisst ihr es nicht?

01:39:38: aber euch reichen diese Zweifel das ihr sagt da muss dringend eine Wiederaufnahme her.

01:39:44: Da sind wir sehr gespannt was ihr dazu sagt.

01:39:46: Mich würde auch interessieren welches Risiko wird für euch schwerer?

01:39:50: also dass jetzt zum Beispiel ein schuldiger Mensch aufgrund verbleibender Zweifeln freigesprochen wird oder dass ein möglicherweise unschuldiger Mensch aufgrund einer falschen Indizienkette den Großteil seines Lebens im Gefängnis verbringt.

01:40:05: Auch dazu könnt ihr gerne mal eure Meinung in die Kommentare schreiben, bleibt dabei aber bitte respektvoll hinter dem Fall stehen zwei getötete Menschen ihre Angehörigen und eine Frau Die rechtskräftig wegen der Taten verurteilt wurde und weiterhin ihre Unschuld beteuert.

01:40:35: Ja ihr Lieben, Knastis macht's gut.

01:40:48: Bis zum nächsten Mal!

01:40:50: Tschüssi.

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